Archiv für November, 2008

Kochseminar für Jugendliche: Lieber Obst-Snacks als Milchschnitte

„So wertvoll wie ein kleines Steak…“ lange wurden Fruchtzwerge mit diesem Slogan beworben, der nichts anderes bedeutet als: das teure Quark-Joghurt-Zeug hat so viele Kalorien wie ein Mittagessen. In der aktuellen Fernsehwerbung für Fruchtzwerge rufen Kinder ihren Eltern zu: „Kauft uns Fruchtzwerge, die mögen wir und die sind gesund.“ Doch gesunde Ernährung hat nichts mit Kalorienbomben zu tun, meint Jörg Beumelburg-Nordbrock. Sie fange im Gegenteil damit an, die Werbestrategien der Lebensmittelindustrie zu durchschauen. Der Johanniter aus Alhorn in Niedersachsen hat den Kurs „ Kochen auf Freizeiten und Anderswo“ organisiert, an dem vom 24. bis 26. Februar 14 Mitglieder der Johanniter-Jugend teilnahmen.

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Teilchenbeschleuniger: Pünktlich zur Gemütlichkeit

Was für die Engländer der 5-o’clock-Tea ist, das ist für die Deutschen die Kaffeetafel. In Berlin wird sie an jedem Wochenende pünktlich um drei Uhr nachmittags eingeläutet. Aber nicht nur in Steglitz und Wilmersdorf – gerade das junge Szenevolk von Kreuz- und Prenzlauer Berg hat den Kaffeeklatsch wiederentdeckt. Statt am heimischen Wohnzimmertisch Tanten und Nichten mit Bienenstich und Jacobs Krönung abzufüllen, trifft man Freunde in Coffelounges und nascht Lifestyle-Tartes an Tchai-Latte.

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Für den kleinen Lesehunger zwischendurch: Literatur aus dem Automaten

SuKuLTuR (Name des 1992 gegründeten Verlags für Nischen-Literatur mit Sitz in Berlin) – Gelb, dünn, gekühlt: Die Büchlein aus dem SuKuLTuR-Verlag sehen aus wie Reclam-Heftchen, haben 20 Seiten und sind der ideale Lesestoff für eine S-Bahn-Fahrt. Für 1,- Euro gibt es die Einweg-Literatur an Süßigkeitenautomaten auf S-Bahnstationen in und um Berlin.

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Der einsamste Retter Deutschlands arbeitet auf Hiddensee

Weite und Einsamkeit auf der autofreien Insel

Weite und Einsamkeit auf der autofreien Insel

Im Schritttempo bahnt sich der Rettungswagen seinen Weg über die löchrigen Betonplatten, die einzige befestigte Straße der Insel. Mit jedem Winterfrost kommen ein paar neue Schlaglöcher dazu, denen Rettungsassistent Frank Börner ausweichen muss. Zwar gibt es auf dem autofreien Eiland nur selten Gegenverkehr, hier eine Pferdekutsche, da ein Elektrokarren, aber dafür andere Hindernisse. „Die Touristen sind unser ärgster Feind“, witzelt Börner während er sie behutsam umkurvt, „sie sehen mich kommen und gehen mitten auf der Straße weiter.“ Deshalb arbeitet der 50-Jährige am liebsten im Frühling und im Herbst auf der Insel. Im Sommer sei einfach zu viel los. Und im Winter, tja, da sei es sehr einsam. Jetzt ist Sommer und im Ortskern von Vitte herrscht Hochbetrieb: vor den Souvenirläden werden Ansichtskarten und Strandutensilien verglichen, der Edeka-Markt und die Straßencafés sind voller Menschen in kurzen Hosen, es riecht nach Räucheraal und Pferdeäpfeln. Der Rettungswagen mit dem achtspitzigen Kreuz schiebt sich vorsichtig durch die Urlaubermassen und wird dabei argwöhnisch gemustert. Man braucht Geduld, um vom südlichen Hafen in Neuendorf durch Vitte bis nach Kloster zu kommen, wo das Rettungsfahrzeug stationiert ist. Auch wenn das Fahrzeug nur den Status eines Krankentransportwagens hat, sollte theoretisch jeder Punkt der Insel in zehn Minuten erreicht werden. Doch das erscheint unmöglich im Sommer angesichts der Enge. Auch das Martinshorn schaltet Börner nur äußerst ungern ein – es macht die Pferde scheu.

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Die Rock Twins aus Kempten

Janine und Jessica Lenzenhuber sind eineiige Zwillinge. Sie sehen nicht nur genau gleich aus, sie teilen auch viele Interessen und Vorlieben, neben Reiten und Gitarre spielen ist das vor allem Rockmusik hören und zwar alles, von Indie bis Metall. Sofern die Eltern sich überreden lassen, fahren die Schülerinnen auf jedes Konzert, das in der Umgebung stattfindet, und auch schon mal bis nach München. Sie haben sogar eine eigene Seite bei myspace.de, auf der sie sich die „Rock Twins“ nennen. Dass die beiden Teenager seit ihrer Geburt blind sind, spielt in ihrem Leben meistens keine große Rolle. „Klar kommt es immer mal wieder vor, dass man außen vor bleibt, dass man etwas nicht kann“, sagt Janine, „aber dann muss man sich halt einfach sagen, das geht eben nicht, das kann ich jetzt nicht machen, aber es gibt schlimmeres. Man muss halt damit leben.“

Die Zwillinge und "ihr" Zivi

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Endstation Zuflucht: Obdachlos in Prenzlau

Seit September letzten Jahres nehmen die Johanniter des Regionalverbands Nordbrandenburg der Prenzlauer Stadtverwaltung eine Menge Arbeit ab. Sie haben eine Ausschreibung gewonnen und sind jetzt für die Unterbringung der städtischen Obdachlosen zuständig. Keine Aufgabe, mit der man sich profilieren oder viel Geld verdienen kann. Aber deshalb machen sie es auch nicht. Vier Betten stehen in dem quadratischen Raum mit der Nummer 110, an jeder Wand eins. Am Fußende der Betten gibt es jeweils einen Kleiderschrank, darin ein Fach, in das man Wertsachen einschließen könnte, wenn man welche hätte. Auf dem kleinen Tisch in der Raummitte stehen Kaffeebecher, eine wackelige Etagere mit Obst und Keksen und eine Packung Zigarettenhülsen.

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Unvollendete Gedanken zum perfekten Leben

Man will alles perfekt machen, das lernt man von Anfang an: Gute Noten nach Hause bringen, artig und höflich sein zu den Eltern und überhaupt gegen jedermann, gesund ernähren, die Ausbildung abschließen, langfristige Beziehungen, am besten mit Trauschein, aber vorher austoben, vorbildliche Partner, mit denen man Konflikte auslebt, statt sie zu zu kleistern, dabei an sich arbeiten, aus Krisen lernen, besserer Mensch werden. Man will jede Sekunde des Lebens optimal erleben, flexibel sein und doch beständig, Klavier üben, zum Sport gehen, mit Freunden Kochen und Rotwein trinken, alle wichtigen Zeitungen und die richtigen Bücher gelesen haben, weiterhin zu jedermann höflich sein und den Partner nicht einengen, wach und offen für Neues bleiben, jede Schwingung, jede Gefühlsregung zulassen, nicht in Trott geraten, ein bisschen Geld fürs Alter beiseite legen, aus allen Fehlern lernen, seine Rechnungen und die Steuer immer pünktlich bezahlen, sparen für die Not, aber sich auch mal was gönnen, seine Arbeit gut machen, aber auch mal feiern. Sich nicht hetzen, nicht stressen, nicht ärgern und über die kleinen Missgeschicke des Lebens großzügig hinweg sehen. Die großen Momente im Leben tief aufnehmen, auf Lunge einatmen, drin behalten und genießen. Was schlecht war milde vergessen, wenn die Zeit gekommen ist, möglichst brav ohne Murren abtreten und dankbar in den Sarg kriechen. Deckel drauf. Tschüß, war nett. Keine Probleme gemacht, nicht mir, nicht den anderen. Leben wie Sterben mit Zwei plus gemeistert.

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Haargedicht: Haare hat man oder nicht

„Hallo Haar“ oder „Harrharr“

Wie sonderbar,
das mit dem Haar.
Sitzt es fest am hellen Kopf,
bildet es den schönsten Schopf.
Doch fällt es ab, oh weh, oh graus,
löst schnell es Unbehagen aus.

Ein Einzelhaar, und klebt es noch so friedlich
am Tellerrand ist niemals niedlich.
Auf Herrenrücken darf’s nicht rasten,
nicht schlankes Damenbein belasten.
Nicht in Nase, noch in Ohr
ruft es Begeisterung hervor.

Überall wird epiliert,
gezupft, gewachst und wegrasiert.
Nicht geschont wird selbst das Genital!
Ja, ist denn sowas noch normal?
Wo soll es hin, das arme Haar,
nicht nach hier und nicht nach da.

Es gibt nur einen Ort, an dem es bleiben kann für immer:
das ist das Abflussrohr im Badezimmer.
Hier sammelt sich in vielen Jahren
ein Potpourri aus Tausend Haaren.
Braune, schwarze, helle, matte,
kurze, lange, krause, glatte,
eng vernetzt in Harmonie
in schönster Haarkakophonie.

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Dokumentation: Demo für das Kaufhaus Kreuzberg am 3. Juli 2003

Wir, die Stände des Kaufhaus Kreuzbergs, sind sauer: Noch immer gibt es keinen Mietvertrag für das Kaufhaus. 51 Existenzgründer können nicht planen, können nicht investieren. Manche haben ihre Jobs zum 1. Juli gekündigt und sind jetzt arbeitslos. Andere haben Anzeigen geschaltet, ihre Waren geordert – alles umsonst? Die „Ständevertretung“ im Kaufhaus Kreuzberg fordert sofortige Wideraufnahme der Mietverhandlungen, schnelle Einigung und langfristige Mietverträge für Planungssicherheit. Es stehen 100 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, demonstrieren wir am 3. Juli vom Wittenbergplatz zum Kurfürstendamm 28. Dort residiert der Vermieter, der bisher unannehmbare Mietverträge diktiert. Der Vermieter des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) am Kottbusser Tor soll mit eigenen Augen sehen können, wie viele nette Menschen und wie viele gute Ideen an dem Projekt hängen. Wir haben eine kleine Auswahl unserer Produkte in Bauchläden dabei – um neugierig zu machen. Die spätere Produktpalette umfasst: Musik, Lack, Flowerpower, Perücken, Klamotten, Kult, Mode, Mini-Möbel, Kitsch, Multi-Kulti, Kosmetik, Biergarten, Latex, Bücher, Trends, Souvenirs, Pralinen, Zauber, Friseur, Schmuck, Massage, Wohn-Krempel, Voodoo, Design, Geschenke. Bereits am Samstag findet eine „Eröffnung“ des Kaufhaus Kreuzberg statt: Nur einen Steinwurf entfernt, in der Dresdner Straße ist den ganzen Tag Straßenfest mit zwei Bühnen und über 20 Ständen.

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Unternehmen Kreuzberg: Souvenirs und Geschenke

Auch ein Logo gab es schon

Auch ein Logo gab es schon

„Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, wehklagt Jean Paul. Das UnternehmenKreuzberg schlägt daraus Kapital und trägt das selige Andenken des Unruhebezirks im Kaufhaus Kreuzberg zu Markte: Souvenirs mit, über und von Kreuzberg sind in einer über neun Quadratmeter großen Erinnerungswelt aufgebahrt. Dazu zählen Kaffeebecher, Schlüsselanhänger, Fototeller, Sammel-Löffel, Duftspender mit Café-Latte-Geschmack, Plastikvariationen vom Fernsehturm, ein aktuelles Demo-Starter- Kit und – unvermeidlich – Pflastersteine als Kerzen, Ständer oder Lutschbonbons. Der einzigartige Gedenkschrein offeriert keine staubtrockenen dogmatischen Kreuzberg-Cerealien, sondern Augen weidende Voll-Wert-Andenken. Weil der Service-Gedanke im Mittelpunkt steht, werden den internationalen Touristen zugleich Souvenirs aus anderen Teilen der Welt angeboten: Bayerische Wetterhäuschen, Danziger Goldwasser und der Tour d’ Eifel en miniature. Dazu kredenzen die Kreuzberger Existenzen Gunnar Meyer und Oliver Numrich (Kredo: „Das UnternehmenKreuzberg bringt den Wohlstand“) ihren Trendsetter-Kunden stilvolle Luxusgeschenke von erlesender Qualität: einen tiefbraun glänzenden Porzellan-Eber zur Regaldekoration, hautschmeichelnde Edelstoffe vom aufstrebenden Label „UnternehmenKreuberg“, keusche CD-Cases, heiße Thermoskannen und zickige Garderobenhalter. Hier stürzen die Sixties auf die 80er und vereinigen sich innig zum neuen Kreuzberger Stildesaster. Oliver Numrich

Und ein Alternativ-Logo

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