Oma Charlotte hat schon viel durchgemacht: Sämtliche ihrer Gliedmaßen waren gebrochen, sie litt unter Krebs, Blutungen, Unterzuckerung, zog sich Schuss- und Stichwunden zu und hatte unzählige Schlaganfälle sowie knapp 150 Herzinfarkte, von denen etwa 30 tödlich verliefen. Charlotte Ewert ist heute 84 Jahre alt und kein medizinisches Wunder, sondern Patientendarstellerin der Johanniter-Unfall-Hilfe in Braunschweig.
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Ausbildung dank Ehrenamt
Sich ehrenamtlich engagieren und dabei kostenlos eine Ausbildung bekommen? Das ist bei immer mehr Angeboten für Freiwillige möglich. Ob als Ferienrettungsschwimmer bei der DLRG, als Freizeit-Bewährungshelfer oder als ehrenamtlicher Telefonseelsorger – ohne Fachwissen klappt so etwas nicht. Und das vermittelt der Projektträger in der Regel gratis. Bei der Berliner Freiwilligen-Agentur können Menschen, die sich engagieren wollen, aus 200 verschiedenen Projekten das passende auswählen. „Kinder und Senioren werden immer gern genommen“, erzählt Susanne Schwab von der Agentur, „weil sich das jeder zutraut.“ Naturschutz sei dagegen nur im Sommer gefragt. Für rund die Hälfte der Projekte im Börsenpool ist eine Schulung nötig. Manchmal besteht die nur aus ein paar Unterrichtsstunden am Wochenende, in anderen Fällen dauert die Weiterbildung satte anderthalb Jahre. Die Ausbildungen werden meist von den Einsatzstellen selbst durchgeführt und finanziert. Die Gegenleistung des Ehrenamtlichen ist seine Verpflichtung, die Tätigkeit über einen längeren Zeitraum durchzuführen. Manche Träger verlangen sogar die Erstattung der Fortbildungskosten, wenn einer den Dienst vorzeitig quittiert. „Eine Fortbildung ist aber keine Berufsausbildung“, schränkt Susanne Schwab ein, „man muss da genau zwischen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Aufgaben unterscheiden.“ Nach erfolgreichem Abschluss gibt es fast immer ein Zertifikat, das soziales Engagement und Weiterbildung beurkundet. So ein Dokument macht sich in jeder Bewerbungsmappe gut. „Die Interessenten möchten natürlich am liebsten sofort anfangen“, sagt Schwab, „und sehen die Schulung als zeitliche Verzögerung an.“ Doch bevor Hausfrauen, Rentner und Studenten etwa am Telefon Depressive beraten können, ist intensive Vorbereitung nötig. Bei der 1956 gegründeten Berliner Telefonseelsorge dauert die Ausbildung 19 Monate, jeweils 3 Stunden die Woche. Ab dem achten Monat geht’s an die Telefone. 130 Ehrenamtliche absolvieren hier mindestens 12 Stunden im Monat den Dienst am Hörer. „Erstaunlicherweise haben wir immer sehr viele Interessenten“, sagt Ausbilderin Sonja Müseler, „aber nicht jeder ist geeignet.“ Intensive Gespräche mit dem Bewerber zeigen, wie belastbar jemand ist und wie reflektiert er mit dem eigenen Leben umgeht. „Unsere 110 Freiwilligen reichen bei weitem nicht aus“, klagt dagegen Karin Krause von der Freien Hilfe Berlin e.V., „wissen sie, es gibt massenhaft Inhaftierte, die sich Betreuung wünschen.“ Seit 1990 kümmert sich die Freie Hilfe um Strafgefangene in Berliner Gefängnissen. Jeder der sich freiwillig engagiert, bekommt über zehn Wochen eine Einführung. Außerdem gibt es einmal im Monat Erfahrungsaustausch und eine Qualifizierungsveranstaltung. „Man muss nichts mitbringen“, sagt Karin Krause, „nur seine Motivation begründen.“ Auch hier erhält man einen Nachweis über die Ausbildung, außerdem einen Vollzugshelfer-Ausweis. Eine freiwillige Verpflichtung gibt es nicht. Jeder kann aufhören, wenn er sich beruflich verändert oder merkt, dass er überfordert ist. „Allerdings“, schränkt Krause ein, „wenn man einmal jemanden betreut, der noch drei Jahre Knast vor sich hat, dann sollte man ihn die ganze Zeit begleiten.“ Oliver Numrich
Interkulturelle Kompetenz: Wie Schokoladenpudding in Vanillesoße
Kennen Sie den? Der Himmel sieht so aus: Die Engländer sind für die Unterhaltung zuständig, Italiener für das Essen und die Deutschen für die Organisation. In der Hölle läuft es folgendermaßen: Die Engländer bereiten das Essen, die Italiener sind für die Organisation zuständig und die Deutschen für die Unterhaltung. Der Witz mit den klischeehaften Nationalcharakteren basiert auf dem Bewusstsein kultureller Unterschiede, die weit über Sprachbarrieren hinausgehen. Interkulturelle Kompetenz heißt das Stichwort, das neue weiche Einstellungskriterium, mit dem Personalverantwortliche und Ausbildungsstätten gleichermaßen jonglieren. Wer heute in einer internationalisierten Wirtschaft mitarbeiten will, der muss nicht nur sein Fach und fremde Sprachen beherrschen, er muss auch mit Vorgesetzten, Geschäftspartnern, Kollegen und Kunden aus anderen Kulturräumen zusammenwirken können. Sich mit einem Kunden auf Englisch zu verständigen reicht nicht mehr aus. Man muss mindestens betriebliche Hierarchien im Herkunftsland kennen und mit der fremden Arbeits- und Beschwerdekultur umgehen können, andernfalls tritt man schnell von einem ins andere Fettnäpfchen. Warum schweigt mein koreanischer Geschäftspartner beim Essen? Der neue Kollege aus Bombay schüttelt den Kopf, aber sagt ja, wie darf ich das verstehen? Kann ich die Einladung des brasilianischen Geschäftsführers, ihn auf seinem Landsitz zu besuchen annehmen? „Als ich das erste Mal nach Japan kam, blieb der Kulturschock eigentlich aus,“ erinnert sich Karsten Krauskopf. Der 27-jährige Japanologie-Student fand keinen großen Unterschied zu seiner Berliner Heimat, Tokio erschien ihm äußerlich ganz normal mit den Geschäften, den McDonalds-Filialen und den gleichen Autos wie hier. Doch im Studentenwohnheim angekommen, spürte er gleich eine andere Denkweise. „Wir sollen um zehn auf dem Zimmer sein und bei jedem Treffen mit mehr als drei Leuten musste man das anmelden.“ Zur Begründung hieß es von der Unileitung, man habe die deutschen Studenten von deren Eltern in Empfang genommen und müsste jetzt die Verantwortung für sie übernehmen. „Eine Studentin war 50 Jahre alt“, sagt Karsten, „aber auch für sie galten diese Regeln und Grenzen.“ Alle Versuche, mit den Professoren zu reden, schlugen fehl, auch Argumente halfen nicht weiter. Man redete aneinander vorbei, obwohl Karsten sein bestes Japanisch anbrachte. „So wie Schokoladenpudding in Vanillesoße ist unsere Sprache in eine kulturelle Struktur eingebettet, die ihr erst den Sinn verleiht“, erklärt Pädagogikprofessor Jürgen Henze bildhaft. Henze lehrt am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet darüber hinaus eng mit Artop-Institut zusammen. Die Einrichtung bietet eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Trainer und Coach für interkulturelle Kompetenz an. „Man kann nicht mal eben schnell in Seminaren eine Kultur erlernen“, sagt Henze, „aber sie können versuchen sie zu verstehen.“ In Blockseminaren und Praktika, verteilt über einen Zeitraum von acht Monaten lernen die Teilnehmer, wie sie sich einer fremden Kultur annähern, wo sie Informationen finden. In Rollenspielen üben sie, die Regeln anderer Kulturen anzuwenden und erfahren, wie stark Gefühle die Kommunikation beeinflussen. Die Weiterbildung richtet sich an alle, die in der in der Personal- und Organisationsentwicklung oder im Rahmen interkultureller Projekten für Unternehmen und Organisationen interkulturelle Kompetenzen vermitteln wollen. Nach Abschluss des Praxisteils erhalten die Teilnehmer das Zertifikat „Trainer/in für interkulturelle Kompetenzen“. Henze ist überzeugt, dass auf dem Gebiet Interkultur Bedarf besteht: „Softskills wie kulturübergreifende Handlungs- und Kommunikationskompetenz werden in den nächsten fünf Jahren zunehmend ein völlig normales allgemeines Bildungsziel.“ Bevor man allerdings andere Kulturen verstehen kann, müsse man mehr über sich selbst erfahren, meint der Professor. Das Bild des typischen Deutschen im Ausland etwa sei: zu direkt, sachorientiert, nicht kompromissbereit und unsicherheitsvermeidend. Das bedeutet, der Deutsche kann kaum ertragen, nicht zu wissen, was morgen zu einer bestimmten Stunde passieren wird. Er plant und braucht eine Agenda für jedes Meeting. In Lateinamerika oder im arabischen Raum sei das ganz anders, sagt Henze, Unsicherheit würde hier zugelassen, man weiß nicht genau, wie sich etwa ein Geschäftskontakt über die Zeit entwickelt. „Wenn Sie in Indien auf den Bus warten, können sie – je nachdem wo – nicht davon ausgehen, dass er um Punkt 8:15 Uhr kommt, sondern dass er wahrscheinlich innerhalb der nächsten Stunden kommen wird.“ Oder auch nicht. Zum Genauigkeitsfanatismus tritt ein weiteres Problem: Im deutschsprachigen Raum denke man binär, in Eins oder Null, in Ja oder Nein. „Wenn jedoch etwas herauskommt, was weder A noch B ist, dann gibt es enorme Schwierigkeiten.“ Oder wie ihm ein chinesischer Freund sagte: „Es gibt immer mehr Lösungen als Probleme.“ Denn in „Face“-Gesellschaften, in denen sich jeder im Verhältnis zum anderen darstellt und darauf achten muss, sein Gesicht zu wahren, sei Lösung C, eine Art Kompromiss, der keinen düpiert, oft der einzig gangbare Weg. Und das verstehen wir dann wieder nicht. Lösungen für kulturelle Probleme bietet auch das Institut „interculture“, das mit der Universität Jena verbunden ist. Auch hier wird eine Ausbildung zum Interkulturellen Coach angeboten und zwar orts- und zeitunabhängig als Fernstudiengang. Die einjährige Ausbildung umfasst rund 200 Unterrichtsstunden zur Theorie und Praxis der interkulturellen Kommunikation und schließt mit einer Hochschulprüfung ab. Das Ziel der Ausbildung ist die Qualifikation zu eigenständiger und wissenschaftlich fundierter Tätigkeit als interkultureller Trainer. Der überwiegende Teil des Studiums wird per E-Learning absolviert, wobei die E-Learning-Phasen durch zwei einwöchige Präsenzphasen eingerahmt Die erste Präsenzphase dient dem Kennenlernen und führt in die inhaltlichen und technischen Details ein. Zur zweiten Präsenzphase gehört auch eine Abschlussprüfung. Tutoren leisten technisch-inhaltlichen Support, korrigieren Aufgaben und geben Lernempfehlungen. Auf kulturelle Fachkenntnisse setzt man bei immer mehr Unternehmen. Auch bei Ebay International in Dreilinden am südlichen Rand Berlins. Für Personalleiterin Silke Schäffner spielt interkulturelle Kompetenz schon bei der Auswahl neuer Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Immerhin werden in der Europazentrale des Internetauktionshauses Kunden aus zehn Ländern in acht verschiedenen Sprachen betreut. „Wir beschäftigen viele internationale Mitarbeiter und haben für jedes einzelne Land entsprechend die Landsleute hier oder Menschen, die die Sprache sehr gut sprechen und die kulturelle Affinität mitbringen“, erklärt Schäffner. Von den 800 Mitarbeitern sind rund die Hälfte nichtdeutscher Muttersprache. Für das Verständnis der Tausenden von E-Mails und Telefonanrufe, die täglich im Ebay-Kundencenter eingehen, ist mehr nötig, als bloße Sprachkenntnis. So würden die in Deutschland üblichen langen Begrüßungsformeln am Telefon von italienischen Kunden abgelehnt, „die wollen gleich loslegen.“ Auch in Frankreich sei die Organisation der Arbeit eine andere, alles etwas relaxter und weniger durchorganisiert und darauf müssen auch die Kundenbetreuer eingestellt sein. „Uns ist sehr wichtig, dass die Mitarbeiter offen sind für andere Kulturen“, sagt Schäffner. Das sei auch entscheidend für ein gutes Arbeitsklima, denn die Abteilungen, die hier Teams heißen, sind bunte Völkermischungen: Ebay beschäftigt Menschen aus 30 verschiedenen Nationen – bei jedem WM-Spiel wurde irgendwo gejubelt. Personalchefin Schäffner rät jedem Studenten und Berufseinsteiger, eine Zeit lang ins Ausland zu gehen, als Aupair oder für ein Praktikum, denn das mache sensibel dafür, wie andere Kulturen funktionieren. Wem dazu die Zeit fehlt, der kann am Artop-Institut von Professor Henze in Blockseminaren lernen, wie man sich innerhalb kurzer Frist professionell einer fremden Kultur annähert. Oliver Numrich
Portrait: Vom Heimerzieher zum Ausbildungsleiter
Aalen – Sozialpädagogen haben vielfältige Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten. Der Diplom-Sozialpädagoge Harald Michel, 44, etwa hat lange die Jugendarbeit der Johanniter in Aalen betreut. Eigentlich wollte er Lehrer werden, aber da gab es damals, vor 20 Jahren, kaum Aussichten auf eine Anstellung in Baden-Württemberg. Also entschied sich Harald Michel dazu, einen verwandten Beruf zu erlernen: Sozialpädagoge. Dafür nahm er nach Abitur und Wehrdienst gleichzeitig einen Job an und ein Studium auf – das ist ein besonderes Ausbildungsangebot in Baden-Württemberg: Die Berufsakademie. Dabei ist man immer im Wechsel drei Monate beim Arbeitgeber und drei Monate an der Hochschule. Es ist wie beim Studium, nur dass man keine Semesterferien hat. Michels Arbeitgeber, das Heilpädagogische Kinderdorf, hatte nur das halbe Jahr etwas von seinem Mitarbeiter. Dafür musste es aber monatlich auch nur 350 DM für ihn bezahlen – ein Azubi-Gehalt. „Nur meine Schule war eben nicht die Berufsschule, sondern die Fachhochschule.“ Nebenher jobbte Michel an der Tankstelle, übernahm diese zehnstündigen Nachtschichten an der Durchreiche. Und weil er preiswert bei den Eltern gewohnt hat, kam er finanziell über die Runden. Nach der Ausbildung landete er zunächst in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. „Die sozialpädagogischen Stellen liegen auch nicht auf der Straße und als Berufsanfänger muss man da hingehen, wo was zu kriegen ist“, sagt er heute. Die Einrichtung wurden von katholischen Ordensschwestern geleitet und hatte entsprechend hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter: „Der Erzieher sollte Vater und Mutter ersetzen“, sagt Michel, „das hätte bedeutet, dass man den Rest seines Lebens aufgibt, dass man wie eine Nonne kein Privatleben mehr hat.“ So etwas kann ein junger Mensch nicht lange durchhalten und in Michel wuchs die Unzufriedenheit. Mit seinen Schützlingen musste er die einfachsten Dinge des Alltags trainieren: rechtzeitig aufstehen, zur Schule gehen, vernünftig miteinander umgehen. „Natürlich ist das frustrierend“, sagt er, „man muss sich Selbstschutz organisieren.“ Nachdem er ein halbes Jahr in dem Heim gearbeitet hat, erfuhr Michel von der Stelle bei den Johannitern. „Das war eine Schicksalsfügung“, sagt er heute, denn da wurde genau das gesucht, was er gelernt hat und dazu auch noch in seiner Heimatstadt Aalen. „Mit Hilfsorganisationen hatte ich gar nichts zu tun, als ich zu den Johannitern kam“, bekennt er, sein Steckenpferd war vielmehr der Sport, Fußball und Tennis. Doch im November 1989 wurde er von der JUH in Aalen als deren „Berufsjugendlicher“ eingestellt und zum Leiter der Jugendarbeit. Oberstes Ziel damals: Neue Ehrenamtliche gewinnen. Also knüpfte Michel Kontakte zu den örtlichen Schulen, bot Erste Hilfe Kurse an und verhandelte mit den Schulleitungen darüber, über die Einführung von Schulsanitätsdiensten. „Wir können in besonderer Weise Jugendliche zu sozialem Engagement motivieren“, ist Michel überzeugt. Es sei ein gruppendynamischer Prozess: Gute Leute machen den Anfang und ziehen wieder welche an. Sanitätsdienst in der Schule sei für manche Schüler zum Statusfaktor geworden: Wir dürfen was machen und die Lehrer halten sich zurück. „Die Lehrer haben das akzeptiert und stehen voll hinter dem Konzept dahinter“, sagt Michel, „keiner glaubt, er sei kompetenter als die Jugendlichen.“ Diese Erfahrung zu machen, ist ein tolles Gefühl für jeden Schüler. Mit dem 40. Lebensjahr hat Michel sich entscheiden, nicht mehr aktive Jugendarbeit zu leisten. 2002 wurde er stattdessen Ausbildungsleiter der Johanniter und koordiniert jetzt alle Ausbildungsangebote im Regionalverband Ost-Württemberg. Und in seinem Regionalverband gibt es jetzt auch eine Mitarbeiterin, die zugleich an einer Berufsakademie studiert. Denn dieses Modell kann Michel uneingeschränkt empfehlen. Oliver Numrich









