Artikel verschlagwortet mit Johanniter

Lieferjunge für eisgekühlte Organe: Thomas Vorbach jettet für einen guten Zweck durch die Welt

vorbach1Rostock/Berlin – Bei den Johannitern gilt es manchmal, recht exotische Aufgaben zu übernehmen. Zum Beispiel im Hubschrauber als Rettungsassistent mitfliegen oder als Evaluator für Hilfseinsätze durch Krisengebiete stromern. Oder mit einem unscheinbaren Köfferchen durch die Welt jetten. Das macht Thomas Vorbach, 31, für die Rostocker Johanniter und die machen das im Auftrag der Uniklinik. In seinem Koffer frieren menschliche Organe auf crushed ice einem neuen Körper entgegen.
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Begehrte Teigwunden-Trägerin: Rettungsoma als Opfer

Oma Charlotte hat schon viel durchgemacht: Sämtliche ihrer Gliedmaßen waren gebrochen, sie litt unter Krebs, Blutungen, Unterzuckerung, zog sich Schuss- und Stichwunden zu und hatte unzählige Schlaganfälle sowie knapp 150 Herzinfarkte, von denen etwa 30 tödlich verliefen. Charlotte Ewert ist heute 84 Jahre alt und kein medizinisches Wunder, sondern Patientendarstellerin der Johanniter-Unfall-Hilfe in Braunschweig.

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Schleichwerbung im Groschenroman: 5.000 Hefte liegen in Krankenwagen aus

In Regensburg hatten die Wohlfahrtsorganisationen Johanniter und Malteser Gelegenheit, sich mit einer neuen Werbeform an die Zielgruppe Senioren zu wenden: mit redaktioneller Werbung in Groschenromanen. „Als erstes,“ sagte Prof. Gabriel, „werden wir sie in der Donauklinik wieder auf die Beine stellen.“ Er bemerkte, wie sich Frau Grubers Gesichtszüge allmählich entspannten. „Zweitens aber müssen sie mir versprechen, dass sie nach ihrer Entlassung eines dieser Hausnotrufgeräte in ihrer Wohnung aufstellen lassen“, fuhr er fort, „so ein Gerät können sie sich nämlich ohne großen Aufwand von der Johanniter-Unfall-Hilfe an ihre Telefonbuchse anschließen lassen…“ Im neu erschienenen Groschenheft „Lebe weiter, Sabinchen“ von Dr. Sigmund Wilkens kommen die Regensburger Johanniter nicht zufällig vor – sie haben sich in den Roman eingekauft. Der Verlag „Einzelstück“ geht damit neue Marketingwege. Er bot Regensburger Unternehmen und Einzelpersonen an, sich im Arztroman verewigen zu lassen. „Anfangs lag der Preis zwischen gut und böse: Für Nennung des Hausnotrufs und eine viertelseitige Anzeige wollte der Vermarkter 2.800 Euro haben“, sagt Regionalvorstand Ernst Provinsky, 47. Doch die Johanniter drückten den Preis, indem sie flankierende Werbemaßnahmen übernahmen: Am Erscheinungstag lieferten sie die Erstauflage mit dem Krankenwagen aus: Hunderte Hefte verteilten sie in der Innenstadt vor Galeria Kaufhof. Außerdem erhielten alle Menüservice-Kunden ein Heft mit dem Essen geliefert, wurden Kita-Eltern und Mitarbeiter der Groschenroman zugesteckt. Insgesamt haben die Johanniter so fast 5.000 Exemplare unter die Regensburger Bevölkerung gestreut. „Die Resonanz ist sehr gut“, sagt  Provinsky, „Presse und Fernsehen waren da, alle fanden das eine gute Idee.“ Gleich neben dem zitierten Text prangt dann eine Anzeige der Johanniter-Hausnotruf mit Bestelladresse. Tatsächlich hat sich eine schnelle Leserin mit einer behinderter Tochter und pflegebedürftiger Mutter schon gemeldet: Sie kannte Hausnotruf nicht und möchte ihn jetzt bei den Johannitern bestellen. Regensburger Intima erhielt der in der Toskana lebende Autor übrigens über einen öffentlich aufgestellten „Ratschkasten“, in den jeder Bürger Zettel mit Geschichtchen, Anekdoten, Klatsch und Tratsch einwerfen konnte. Oliver Numrich

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Heiter weiter: Aktive Senioren helfen einander

Im „Klub langer Menschen“ ist Willi Witt Ehrenmitglied. Und das, obwohl von seinen stattlichen 2,03 Metern Länge heute, mit 80, nur noch 1,96 Meter übrig geblieben sind. Mit Konfektionsgröße 114 und Schuhgröße 49 bekam er immer alles nach Maß: Die Uniform bei der Marine genau so wie den Anzug für die Berufsschule. Nach dem Krieg hat es den Matrosen von Wismar zum Berufskolleg der Stadt Bonn verschlagen. Vom Hilfslehrer brachte er es hier binnen 35 Jahren zum Oberstudiendirektor, verantwortlich für 120 Lehrer und 4.300 Schüler. „In der Schule war ich als Preuße verschrien“, sagt Willi Witt mit einigem Stolz in der Stimme, „jeden Tag um zehn nach fünf aus dem Haus, um fünf Uhr 30 am Schreibtisch.“

Willi auf der Veranda

Willi Witt auf seiner Veranda

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Johanniter-Getränke: Unfallhilfe zum Trinken

Johanniter kann man trinken! Glauben Sie nicht? Noch nie was vom Johanniter-Starkbier gehört? Oder vom „Augen-Wasser“? Na, den Johanniter-Wein werden Sie wohl kennen! Doch woher hat er seinen Namen? Wo ist eigentlich die „Johanniter Quelle“? Und was hat Bruder Adolf mit all dem zu tun? Eine kritische Untersuchung des Johanniter-Getränkeangebots zeigt: Nicht alles, auf dem das achtspitzige Kreuz prangt oder Johanniter draufsteht, hat auch etwas mit der christlichen Hilfsorganisation zu tun.

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Rechtsextremismus: Alternativen zur Gewalt anbieten

Görlitz ist nicht Wurzen. Die pittoreske Grenzstadt an der Neiße will 2010 Europas Kulturhauptstadt werden, da stören Skinheads im touristischen Stadtzentrum. Doch dass die Rechten oft den Ton angeben, hat auch Phillip Triemer schon am eigenen Leib erfahren. Der neunzehnjährige Johanniter war als Sanitäter bei einem Fußballspiel eingesetzt, als er bemerkte, dass jemand CDs mit rechtsradikaler Musik anbot. Er wollte den Verkäufer zur Rede stellen, doch der machte ein paar Anrufe per Handy und binnen weniger Minuten stand ein Dutzend rechter Schläger vor den Sanitätern. „Wir konnten schnell noch unser Material in den Rettungswagen werfen flüchten“, erzählt Phillip. Seine Anzeige bei der Polizei wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Um der Gewalt vor allem unter Jugendlichen etwas entgegen zu setzten, hat die örtliche Johanniter-Jugend um Phillip im Sommer 2004 ein Projekt ins Leben gerufen: „Wut im Bauch“. Die Schülerinnen und Schüler haben alles selbst gemanagt: Veranstaltungen geplant, Sponsoren aufgetan, Anträge gestellt. Gisela Mahner, 45, die bei den Johannitern für Ausbildung und Jugend zuständig ist, hat die Jugendlichen dabei von Anfang an unterstützt. Denn auch sie musste Erfahrungen mit rechter Gewalt machen: Ihr Zeltlager wurde mitten in der Nacht von rechten Schlägern überfallen. Mahner konnte gerade noch mit den Kindern und Jugendlichen auf die Toiletten flüchten, als draußen der rechte Mob tobte. Die Rechtsextremen wollen nicht, dass es Alternativen zu ihren „Freizeitangeboten“ gibt. Doch genau das wollten die Jugendlichen mit ihrem Programm anbieten. Dafür erhielten sie nach und nach immer mehr Unterstützung: Es gab Fördermittel vom Bun­desjugendring, Görlitzer Händler spendeten Lebensmittel und Material, stellten Autos zur Verfügung und das Jugendamt gab 1.500 Euro dazu. „Wut im Bauch“, das waren über 25 Aktionen: Schwimmwettkämpfe, Meditationskurse und Freiluftkino, aber auch Veranstaltungen, in denen die Polizei über Drogen informierte oder Justizbeamte Deeskalationstraining anboten. Das Programm war so erfolgreich, dass Phillip Trie­mer und Gisela Mahner den Förderpreis „Jugendpolitik und politische Teilhabe“ von Johanniterpräsident Hans-Peter von Kirchbach entgegen nehmen konnten. Es wird jetzt auf Schulen in anderen sächsischen Städten ausgedehnt. Darüber hinaus haben Johanniter-Unfall-Hilfe und Johanniter-Jugend ein bundesweites Aktionsprogramm gegen Extremismus aufgelegt, das u. a. Zivilcourage bei Kindern und Jugendlichen fördern und Gewalt verhindern soll. Die Angebote reichen von speziellen Fortbildungen für Jugendgruppenleiter, über Besuche von Gedenkstätten bis hin zu Foto-Workshops. Oliver Numrich

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Hilfstransport: Medikamente für Masuren

Alle sechs Wochen liefert die deutsche Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) gespendete Medikamente und Pflegehilfsmittel an ihre polnischen Sozialstationen. Doch warum „Humanitarian AID“ für ein Land, das seit dem 1. Mai Vollmitglied der EU ist? Oliver Numrich verfolgte den ersten zollfreien Polen-Hilfstransport von der deutschen Grenze bis zu den Patienten in den masurischen Dörfern.

Typisches Tour-Bild

Typisches Tour-Bild

Es gibt nur wenige Autobahnen in Polen. Deshalb braucht der mit Medikamenten und Pflegehilfsmitteln beladene Sattelschlepper einen vollen Tag von der deutschen Grenze bis in die Masuren im nordöstlichen Winkel des Landes. Pommern ist die Kornkammer Polens. Der Westen hat jetzt die EU, der Süden die Industrie, aber Masuren im Osten ist Polens Armenhaus. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 30 Prozent. Es geht durch Alleen und dunkle Wälder, vorbei an Dörfern und Seen, über mal besser, mal schlechter ausgebaute Landstraßen, zum Teil über die alten Betonplatten, die Hitler für die „Reichsstraße 1“ von Aachen nach Kaliningrad – damals noch Königsberg – verlegen ließ. Früher war das hier Ostpreußen. Die deutsche Johanniter-Unfall-Hilfe liefert seit elf Jahren Hilfsgüter und will das auch weiterhin tun, obwohl Polen jetzt zur EU gehört. Olsztyn – Durch die Windschutzscheibe die ersten Eindrücke vom unbekannten Nachbarland: Vielen Häusern fehlen Putz und Wandfarbe, an manchen wird im jahrelangen Patchwork gewerkelt, andere verfallen. Im Gegensatz dazu die gigantischen Kirchenbauten, die gleich hinter maroden Bauernhöfen am Straßenrand auftauchen. „EU“ steht hier auf großen blauen Infotafeln und bedeutet: Ausbau von Straßen, neue Bürgersteige und Fahrradwege. Die Straßen werden nicht nur von uralten und ultraneuen Autos genutzt, sondern auch von Fußgängern, Fahrrädern, Pferdekutschen, Treckern. Dazwischen der 8-Tonner mit der leuchtend orangenen Aufschrift „Humanitarian AID – Die Johanniter“. Wenn er durch die polnischen Dörfer kurvt, zieht er die Blicke der Passanten auf sich. Seit 1993 liefern die deutschen Johanniter Hilfsgüter an ihre polnische Schwesterorganisation. Und sie wollen auch jetzt, da Polen zur EU gehört, nicht damit aufhören. Erste Station in der Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie ist Mragowo, einst Sensburg. Nach knapper, herzlicher Begrüßung durch die Krankenschwestern werden eilig Pappkartons mit Medikamenten und in Plastik eingeschweißte Bündel von Holzkrücken ausgeladen und in eine umfunktionierte Wohnung im ersten Stock getragen. Im Büro beschwichtigt Schwester Ingrid Zacharewcz einen nervösen Patienten am Telefon. Hinter ihr eine Tafel, auf der eingetragen ist, an wen Rollstühle und Pflegebetten verliehen sind. Vorn auf dem Schreibtisch steht eine leere Sammelbüchse: „Auch deine Spende hilft den Kranken.“ Außerdem gehören ein Medikamentenlager, ein Materiallager und ein Behandlungszimmer, in dem zweimal in der Woche ein Arzt eine Sprechstunde abhält, zur Station. Hauptaufgabe ist die ambulante Pflege. Die Schwestern besuchen Patienten zuhause, die unter Altersgebrechlichkeit, Zucker, den Folgen eines Schlaganfalls oder einer Krebserkrankung leiden. Sie übernehmen auch das Waschen und Eincremen oder die Versorgung von Wunden und chronischen Krankheiten. Einmal in der Woche geben die Schwestern gegen Rezept und Quittung Medikamente an Bedürftige aus, die sich die Zuzahlungen nicht leisten können. Neben der Tür zur Medikamentenkammer steht ein Regal mit simpel gemachtem Holzspielzeug. „Eine Patientin mit Schlafstörungen bastelt das nachts“, erklärt mir Henryk Czerwinski, der Vorsitzende der polnischen Johanniter-Stiftung, „und weil wir niemals Geschenke ablehnen können, stellen wir es hierher.“ Czerwinski, geboren im polnischen „Ameryca“, hat die doppelte Staatsbürgerschaft und zwei Pässe. Im deutschen heißt er Heinz Otto mit Vornamen, im polnischen Henryk. Schwester Marianna Wilk, 37, mahnt zur Eile, der erste Pflegefall wartet. Sie ist seit der Gründung der Station dabei, war vorher im Städtischen Krankenhaus beschäftigt. Der aufgedrängte, viel zu heiße Kaffee, muss zurückbleiben – wie in Deutschland und überall sonst auf der Welt stehen die Pflegekräfte ständig unter Zeitdruck. Mit einem weißen Opel, den das deutsche Bundesinnenministerium gespendet hat, rasen wir über grünes Land, vorbei an umwucherten Feldern,

Überall der alte Papst in Stein

Überall der alte Papst in Stein

Marien-Kreuzen und Fliederbusch-Wäldern. Eine ländliche Idylle wie in einer Werbung für Backmischungen für Zupfkuchen nach Omas altem Originalrezept. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Dorf Gora Mala. Hier haust der 78-jähirge Mariar Wierzbicki mit Frau in einer ärmlichen Bauernhütte. Ein Teil des Daches ist eingebrochen, die Holzwände der Scheune sind morsch, der ganze Hof wirkt kärglich und heruntergekommen. Vor der Hütte ist ein Kalb festgebunden – es trägt bereits entsprechend den EU-Vorschriften beide Identifizierungsknöpfe in den Ohren. Durch einen kleinen Flur mit Treppenaufgang gelangt man in den großen Küchenraum mit Feuerstelle, dahinter das Wohnzimmer. Es ist dunkel und muffig, Stroh und Unrat liegen auf dem Boden, der Putz an den Wänden bröckelt. Seit seinem Schlaganfall schläft Mariar hier in einem geliehenen Krankenbett. Wegen Diabetes und mangelnder Bewegung ist sein Fuß kaum durchblutet. Die Ärzte wollten ihn amputieren, doch seitdem die Schwestern zwei mal die Woche kommen, Mariar zum Aufstehen überreden und den Verband wechseln, verbessert sich sein Zustand. Früher konnte er auch ein paar Brocken Deutsch sprechen, doch selbst sein Polnisch ist jetzt nur noch Gemurmel. Als ich ihn auf Deutsch anspreche, antwortet er zur Verblüffung der Anwesenden in Deutsch: „Ich habe alles verlernt.“ Nachdem die Wunde versorgt ist, verbrennt Schwester Ingrid die verwendeten Einweghandschuhe im Küchenofen, um sicher zu gehen, dass Mariars Frau sie nicht weiterverwendet. Während der eiligen Rückfahrt zur Station erklärt mir die sechzigjährige Krankenschwester, warum die Situation in Polen so ist wie sie ist: „Heute hat keiner mehr Zeit für die Alten, alle müssen sich auf die neue Wirtschaft einstellen. Gerade die Menschen über 80 sind sehr allein.“ Viele Alte freuten sich so sehr auf den Besuch der Schwestern und auf das Gespräch, dass sie sie nicht mehr gehen lassen wollten. „Dann haben sie extra Kuchen für uns gebacken und sagen: Ihr könnt nicht gehen, ihr müsst erst Kuchen essen.“ Von Mragowo zieht der Hilfsgütertruck weiter zur Sozialstation in Glzycko, das mal Lötzen hieß. Auf dem Weg dorthin kommen wir bei Gierloz an Hitlers damaligen Befehlsstand „Wolfsschanze“ vorbei. Wo am 20. Juli 44 ein Bombenanschlag von Graf Stauffenberg missglückte, ist heute ein Museum. Die zwei Schwestern der Glzyckoer Station versorgen 80 Patienten. Nachdem die Hilfsladung gelöscht ist und alle zu Kaffee und „Merci“-Schokolade am kleinen Besprechungstisch verschnaufen, tritt Schwester Beata im vertraulichen Ton an Fahrer Klaus-Peter Plötz heran: „Ich habe noch einen Liebesbrief für Dich.“ – „Na, was kommt jetzt?“ fragt dieser ahnungsvoll. Schwester Beata liest einen Zettel vor von einem Mädchen mit Muskelschwund; die Akkus ihres Elektrorollstuhls hätten den Geist aufgegeben und seien in Polen schwer zu beschaffen und ohnehin zu teuer für die Familie. „Das Mädchen bittet Dich, ihr beim nächsten Mal neue Batterien mitzubringen“, flötet Beata. Plötz, ein bäriger, jovialer Typ stöhnt kurz auf und sagt dann: „Na, gib mir den Brief mal mit.“ Natürlich wird er die Spezialbatterien besorgen und irgendwem die nötigen 200 Euro aus den Rippen leiern. Rasch schiebt auch Schwester Barbara noch zwei Aufträge hinterher: Rheumasalbe und Schmerzmittel fehlten. Zur Kaffeerunde stößt auch Pfarrer Paul Hause. Er ist ebenfalls Vorstandsmitglied der polnischen Johanniterstiftung und seit vier Jahren als Vertrauenspfarrer seelischer Beistand der Schwestern der Sozialstationen. Im benachbarten Ketrzyn betreut er die mit 550 Gläubigen größte evangelische Gemeinde in den Masuren. „Vielleicht waren wir früher zu sozial“, sagt Pfarrer Hause, „aber die Umstellung jetzt ist sehr hart. Die Preise steigen, aber Gehälter und Renten bleiben. Keiner kann sich mehr etwas leisten.“ Gerade alte und chronisch kranke Menschen seien dringend auf die Unterstützung aus Deutschland angewiesen. Hause hat während des Theologiestudiums Deutsch gelernt, so kann er, wenn Sommer Gäste da sind, den

Vor dem Ausladen

Vor dem Ausladen

Gottesdienst zweisprachig abhalten. Gäste, das sind vor allem die „Heimwehtouristen“, die „Ostpreußler“, aus Deutschland, aber auch immer mehr Abenteuerlustige aus ganz Europa, die auf dem Fahrrad die Natur genießen wollen. Auf dem „Agro-Tourismus“ ruhen alle Hoffnungen. Denn die Landwirtschaft ist kleinteilig organisiert, der Mechanisierungsgrad gering und die Anbaumethoden sind veraltetet. Der Großteil der Höfe ist der europäischen Konkurrenz nicht gewachsen und nur mit Öko-Touristen, die ihre Ferien auf dem Bauernhof verbringen möchten, überlebensfähig. Dazu bietet die urtümliche Landschaft Wälder und Heideland zum Wandern, und dazwischen Seen, die besegelt werden wollen. Zudem gibt es in jedem Städtchen eine alte Ritterburg zu besichtigen, die EU baut Fahrradwege – allein die gastronomische und die Kur- und Fitness-Infrastruktur sind noch unterentwickelt. Zu einer Bibelstunde hat Hause einmal einen Karton mit zehn gebrauchten Brillen aus Deutschland mitgebracht – die waren am Ende der Stunde alle verteilt. Seine Zuhörer haben so lange aufprobiert, bis eine passte. Das örtliche Sozialamt habe so gut wie keine Hilfsmittel zur Verfügung, sagt Hause. „Deshalb wenden sich viele Gemeindemitglieder direkt an mich. Auch Katholiken fragen, ob ich ihnen über die Johanniter einen Gehstuhl besorgen kann oder Krücken.“ Im strömenden Regen fahren wir von Glzycko zur letzten Station nach Pisz, früher Johannisburg. In Pisz ist die Sozialstation über dem Sozialamt untergebracht, gleich neben den Räumen der örtlichen deutschen Gesellschaft, „Freundeskreis Rosch“. Deren Vorsitzende Mira Kreska, 78, ist zugleich Leiterin der Johanniter-Station. Wir begleiten die Schwestern in die alte Garnisonsstadt Orzysz („Arys, Du Mörder meiner Jugend“ sagten die Wehrmachtssoldaten) und besuchen dort den 31-jährigen Jaroslaw Szczesiul. Jaroslaw ist seit einem Motorradunfall vor zehn Jahren querschnittsgelähmt und verbringt die meiste Zeit im Bett. Eigentlich wolle sie mich ungern begleiten, sagt Kreska, könne das Elend des jungen Mannes schwer ertragen. Aber weil sie schließlich übersetzen muss, kommt sie doch mit in die 36qm kleine Wohnung, in der Jaroslaw mit seiner Mutter und zwei Schwestern lebt. Im Treppenhaus des Plattenbaus hängen Schienen neben den Treppenstufen, die man verwenden könnte, um den Rollstuhl über die Treppen zu schieben. Doch das Gefälle ist zu steil, als dass seine Mutter ihn im Rollstuhl hinunter und wieder hinauf zerren könnte. Das Bad so winzig, dass Jaroslaw es niemals betreten kann, er wird von der Mutter oder den Schwestern gewaschen. In sein schmales Zimmer passt gerade das Krankenbett und daneben ein altertümlicher, mit rotem Samt bespannte Rollstuhl, der an monarchistische Zeiten erinnert. Direkt am Fußende des Bettes steht ein Regal mit einer kleinen Flimmerkiste. „Tschesck“, begrüße ich ihn und frage, wie es ihm geht. „Schlecht“, sagt er und meint es ernst. Man erklärt mir, dass er sich zwar mit seiner Lage abgefunden habe, von einer Rehabilitationskur aber eine neue Krankheit mitgebracht hätte, die seinen Körper langsam auffräße. Bevor ich weitere Fragen stellen kann, beginnen die Schwestern damit, Jaroslaw auszuziehen und den Verband an seinem Gesäß zu öffnen. Sofort erfüllt sich die Kammer mit dem Geruch der eitrigen Wunde. Am After des Unglücklichen klafft eine großflächige, tief ins Fleisch gehende Wunde, die von den beiden Schwestern vorsichtig gesäubert und neu verbunden wird. Aber mehr können sie nicht tun. Auch der Hausarzt weiß nicht, wie das Ausbreiten der Wunde verhindert werden kann. „Wir brauchen neue, bessere Medikamente, sonst frisst ihn die Wunde auf“, sagt Schwester Sabina verzweifelt, „wir wissen gar nicht, wie wir ihm noch helfen können. Es heilt einfach nicht.“ Die beiden Krankenschwestern Sabine und Grazyna sind Jaroslaws beste Freunde geworden. Er erzählt ihnen alles. Wenn er sich mal mit der Mutter streitet, sind die Johanniter-Schwestern die einzigen, mit denen er reden kann. Sie sagen dann, er solle sich wieder versöhnen, wo die Mutter doch so viel für ihn tut. Im Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer der Mutter ist, unterhalten sich Mira Kreska und Mutter Maria, 54. Maria Szczesiul hat angefangen, Deutsch zu lernen, wegen den Johannitern und wegen der EU. Weil sie ihren Sohn rund um die Uhr versorgen muss, kann sie nicht mehr arbeiten gehen. Ihr Mann hat sie verlassen und jetzt ist bei Jaroslaw auch noch die Infektion dazu gekommen. Von Jaroslaws Rente in Höhe von 600 Zloty bezahlt die Mutter Essen und „Pampers“. Allein die kosten jeden Monat 300 Zloty. Von ihrer Sozialhilfe bezahlt sie die Miete in Höhe von 500 Zloty, da bleibt kein Geld für Medikamente. Deshalb bringen die Johanniter bei ihrem wöchentlichen Besuch Antibiotika (150 Zloty pro Monat) sowie Salben und Verbandsmaterial mit. „Ohne die Schwestern, hätte ich mir schon längst das Leben genommen“, sagt Maria Szczesiul. Dann weint sie und Mira Kreska auch. (Fortsetzung folgt) Oliver Numrich

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Weihnachten naht: Achtung, Gutmenschenalarm!

Wider großstädtischem Überlebenskampf und spätkapitalistischer Ellenbogen-Mentalität macht Berlin zum Jahresende ein freundliches Gesicht: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich, helfen Heiligabend in der Suppenküche, versorgen nach Feierabend hungrige Lebensretter, betreuen HIV-Kranke oder sammeln Spenden für Notleidende in aller Welt. Aber warum arbeiten immer mehr ohne Bezahlung? Über den Trend zum ehrenhaften Engagement.

„Also, ich bin der Marcus und ich möchte hier heute mithelfen…“ Es ist Heiligabend, kurz vor Fünf, am hinteren, zugigen Ende des Ku‘damms. Marcus, Tom und Elisabeth stellen sich den festen Mitarbeitern vor. Sie sind Freiwillige, die sich vorgenommen haben, heute Abend der Stadtmission zu dienen. Wie jedes Jahr werden rund achtzig Gäste erwartet: Obdachlose, Alte, Einsame, denen man hier eine Weihnachtsparty arrangiert. „Ihr könnt die bunten Teller für die Tische vorbereiten“, schlägt der Missionskoch vor. Im Materiallager stapeln sich von Toben gespendete Kuchenbleche, Apfelsinenkisten und Keksdosen. Germanistik-Student Marcus, Buchhändler-Azubi Tom und Stewardess Elisabeth versuchen, sich in der ungewohnten Umgebung nützlich zu machen, indem sie Kuchenscheiben auf Pappteller klatschen. „Wir haben noch zu“, wimmelt eine Sozialarbeiterin die Vermummten ab, die im Eiswind vor der Tür schlottern. Schnelle Einweisung: „Bis Acht sind die Getränke frei, danach kostet alles 30 Cent, jeder kriegt eine Gänsekeule mit Grünkohl und Kartoffeln, Nachschlag nur Grünkohl mit Kartoffeln, Alkohol ist verboten.“ Die Eintags-Helfer sind nervös, als die ersten das mollig warme Ladengeschäft betreten. Ein Rentner mit hoch gerecktem Kopf im verschlissenen Anzug, ein Häufchen Treber in Lumpen, der große, dünne Typ, der manchmal vor dem Kranzler-Eck zu Musik auf einem Hocker steht und Touristen schockiert. Gleich am Anfang gibt es Stunk, weil die Ehrenamtlichen immer nur drei Apfelsinen auf die bunten Teller gelegt haben, aber vier Leute an jedem Tisch sitzen. Außerdem haben sie zu reichlich Kekse aufgefahren, der Koch ist genervt: „Das muss bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag reichen.“ Am Ende der Happy Holy Hour herrscht Andrang am Saft- und Kaffeetresen. „Schnell, gib mir drei Pötte Glühwein“, verlangt ein Straßenpunk und meint ein aromatisiertes Teegebräu. Doch zwischen den ungelenken Handreichungen bleibt den Ehrenamtlichen auch Zeit für Gesten, für Blicke und Gespräche. Fast hat man den Eindruck, der Stadtmission liegt weniger an der körperlichen Mithilfe der Ehrenamtlichen, als an der Begegnung. Freiwillig Fremden helfen – nur die perfekte Ausrede, um Weihnachten nicht unter dem heimischen Tannenbaum präludieren zu müssen? Pure Sozialprotzerei? Oder ist gar freiwilliges Engagement die soziale Gegenbewegung zu Schnäppchen-Manie und Ich-zuerst-Mentalität, die sich in den letzten Jahren im deutschen Gemüt breit gemacht hat? „Vielleicht ist das so“, sagt Ulrich Wiebusch von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz „zumindest nimmt das bürgerschaftliche Engagement insgesamt zu – in Berlin weist der Trend nach oben.“ Ob Ehrenamt oder Vereinsaktivität, in Selbst- oder Nachbarschaftshilfe, einmalig oder regelmäßig – die Berliner kümmern sich und wollen kein Geld dafür. 1999 wurde erstmals bundesweit zum Bürgerengagement umgefragt: 24 Prozent der Berliner waren damals aktiv. „Bei der aktuellen Umfrage von 2004 liegt die Quote deutlich höher“, triumphiert Wiebusch, will aber noch keine genauen Zahlen nennen, weil noch bis nächsten April ausgewertet wird. Nur das kann man schon verraten: Der Osten hat aufgeholt. 1999 gaben in den östlichen Bezirken Berlins weniger Befragte an, sich regelmäßig aktiv für das Gemeinwohl einzusetzen als 2004. Auch im Westteil ist die Zahl der Aktiven gestiegen – Berlin-Gesamt ist, wie immer, eine Mischpoke. „Die notwendige Infrastruktur für Bürgerengagement musste im Osten erst geschaffen werden“, erklärt Jan Reichmann, der den 2. Freiwilligensurvey für das Bundesfamilienministerium analysiert. Jetzt sei freiwillige Arbeit weniger eine Frage von West oder Ost, sondern von funktionierenden Kiezen oder Problemzonen. „Da wo die Leute insgesamt zufrieden sind, ist auch das Engagement größer, in den Problemkiezen gibt es weniger Ehrenamt.“ Also gerade da, wo Einsatz nötig wäre, kommt er nicht zustande. Oder umgekehrt: Weil bürgerschaftliches Engagement fehlt, entstehen innerstädtische Jammertäler. Ein Grund für die Missverhältnisse: Es fehlt an zugkräftigen Angeboten für Migranten. Denn es bekunden deutlich mehr befragte Migranten ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, als es Aktive gibt. Ein klarer Auftrag an Non-Profit-Organisationen, Sportvereine und Selbsthilfegruppen, aktiv zu integrieren und sich freiwillig für Freiwillige mit Migrationshintergrund zu öffnen. „Bürgerschaftliches Engagement“, sagt der Meinungsforscher aus Marzahn, „ist ein Schlüssel für eine gelingende Integrationspolitik.“ Auch sonst durchlebt das Ehrenamt einen Wandel: Die jungen Alten ab 55 engagieren sich stärker als früher, weil sie länger aktiv bleiben und gebraucht werden wollen. Und es gibt immer mehr kurzfristiges Adhoc-Engagement á la „Essen an Heiligabend austeilen“ und weniger klassisches Dauerehrenamt, bei dem man sich langfristig an einen Träger bindet.

Auf die klassische Tour macht es Sven Klingelhöfer. Er kocht für die Johanniter-Unfall-Hilfe. Seit acht Jahren verpflegt der 26-Jährige die Sanitäter und Helfer bei Großeinsätzen etwa zum Kirchentag oder Katastrophen wie dem Elbe-Hochwasser. Einmal die Woche marschiert er nach Büroschluss zum Zugabend, vor den Kocheinsätzen, die oft über mehrere Tage gehen, muss er organisieren und einkaufen. Da muss das Versorgungsteam Küchenzelt und Bierzeltgarnituren aufbauen, Ein- oder Mehrkomponentenessen plus Veggi-Ausweichessen zaubern, alles reinigen, verpacken, wieder abbauen – viel harte Arbeit. Pro Woche kommt er auf zehn Stunden – ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. „Der Dank ist meine Weiterbildung, da investieren die Johanniter ja in mich“, sagt Klingelhöfer, „und die Befriedigung meines Egos.“ Denn es mache ihn stolz, wenn es gelingt, beim Kirchentag 500 Sanitäter drei Mal täglich satt zu kriegen. Und Freundin Steffi hat er auch den Johannitern zu verdanken – sie haben sich bei einem Sanitätseinsatz kennen gelernt. Zusammen mit Mutti Ingrid und deren Mann, dem Bruder und dessen Freundin gehört sie jetzt zum Feldküchenteam. Hier hat ein Ehrenamtlicher die ganze Familie in sein Engagement einbezogen. Also auch im traditionellen  ehrenamtlichen Wirkbereich eine Zunahme? „Nein“, sagt Klingelhöfer, „in Anbetracht der vielen Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen in Berlin sind doch zu wenige engagiert. Dabei finden wir für jeden etwas, der sich einbringen will.“ Die klassischen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen haben es schwer, kostenlose Arbeitskräfte für die vielfältigen sozialen Dienste zu bekommen, die keiner bezahlen kann oder will: Wehr- und damit auch Zivildienst werden immer kürzer, womöglich bald ganz abgeschafft. Und auch das Freiwillige Soziale Jahr kann jungen Menschen nicht überall als schmackhafte Alternative untergejubelt werden. Ehrenamtliche aber stellen Ansprüche. „Sie wollen ernst genommen werden“, sagt der 27-jährige Sozialwissenschaftler Reichmann, „es genügt eben nicht, Ehrennadeln zu verteilen, es muss eine institutionelle Öffnung spürbar sein.“ Es gehe um Teilhabe an politischen Prozessen. Denn während die jüngeren vor allem Gemeinschaft suchen, engagieren sich die älteren Ehrenamtlichen mit einem gesellschaftspolitischem Motiv: Sie wollen etwas verändern, auch wenn es nur im Kleinen ist. Einen angesichts der unendlichen Armut in Kaschmir geradezu winzigen Beitrag leisten, will auch Gabriele Ramm. Die Schauspielerin ist zurzeit als Elfriede Fennichfux im Schlosspark-Musical „Pinkelstadt“ zu sehen. Seit einem privaten Aufenthalt im Jahre 1998 engagiert sie sich für Mädchen in der moslemisch dominierten Kaschmirregion. Dazu veranstaltet sie regelmäßig Benefizkonzerte, bei der sie Theaterkollegen auf die Bühne und die Gäste zur Kasse bittet. „Die Armut, die hygienischen Verhältnisse, haben mich schockiert“, sagt Gabriele Ramm, „ich dachte: Du musst etwas tun.“ Weil sie den großen Hilfsorganisationen nicht zutraut, so gewissenhaft wie sie selbst mit den eingenommenen Spenden umzugehen, hat sie mit Freunden einen eigenen Mini-Verein gegründet, Inter-Educare e.V..  „Wir verschicken keine Spendenbriefe, machen keine Werbung, ich kann selbst dafür garantieren, dass das Geld auch ankommt“, sagt Ramm. Ihre Flüge nach Indien bezahlt sie aus der eigenen Tasche, alle Einnahmen gehen direkt in Projekte wie ein Waisenhaus oder eine Mädchenschule. Ihre Motivation? „Wenn ich in die Augen der Mädchen sehe, denen ich helfen konnte, dann ist das zugleich meine Gage und mein Applaus“, schwärmt Ramm. Akkurates Ehrenamtsregelement herrscht dagegen bei der Berliner AIDS-Hilfe. Freiwillige brauchen einen langen Atem, Adhoc-Engagement ist nur zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember möglich, wenn den Berlinern die Spendendosen unter die Nasen gehalten werden. Für alles andere ist der Vorlauf bis zum ersten Einsatz lang. Keiner kann kommen und sofort helfen. Am Anfang steht der Infoabend, da wird grob erklärt und ein „Bewerbungsbogen“ ausgefüllt. Dann lädt die AIDS-Hilfe zu zweistündigen Vorgesprächen ein. Darin wird überprüft, ob der Bewerber die psychische Stabilität für die schwierige Betreuungsarbeit mitbringt. Es folgt Basistraining, darin geht es einen Tag lang um medizinische Fragen rund um HIV und AIDS. Telefonberater und Begleiter erhalten darüber hinaus eine Schulung an zwei Wochenenden. „Wir haben zwei Verantwortungen“, sagt Markus Wickert, „den Ehrenamtlichen und den Klienten gegenüber – deshalb der lange Vorlauf.“ Wickert ist hauptamtlich für die Organisation der rund 220 ehrenamtlichen Mitarbeiter zuständig. Die Freiwilligen – von der Studentin bis zum Rentner ist alles dabei – wirken in allen Bereichen: Sie beraten im persönlichen Gespräch oder am Telefon, besuchen Patienten im Krankenhaus oder HIV-Positive im Knast, organisieren Adventsfeiern, AIDS-Galas und zwei mal in der Woche Frühstücke für Positive und ihre Freunde. „Wir kommen aus der Selbsthilfe und leben davon, dass hier Menschen ehrenamtlich mitarbeiten“, sagt Wickert und deshalb haben Ehrenamtliche hier auch Mitspracherechte und können Dinge beeinflussen. Das Interesse daran schwankt saisonal, „aber nach meinem Gefühl melden sich in letzter Zeit mehr Interessierte bei uns als früher.“ Marcus und seine neuen Freunde gehen nach der Bescherung in der Stadtmission noch einen echten Glühwein trinken. Sie haben ihr Soll an guten Taten für dieses Jahr erfüllt. Ob sie sich jetzt regelmäßig engagieren, weiß nur der Weihnachtsmann. Oliver Numrich

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Portrait: Vom Heimerzieher zum Ausbildungsleiter

Aalen – Sozialpädagogen haben vielfältige Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten. Der Diplom-Sozialpädagoge Harald Michel, 44, etwa hat lange die Jugendarbeit der Johanniter in Aalen betreut. Eigentlich wollte er Lehrer werden, aber da gab es damals, vor 20 Jahren, kaum Aussichten auf eine Anstellung in Baden-Württemberg. Also entschied sich Harald Michel dazu, einen verwandten Beruf zu erlernen: Sozialpädagoge. Dafür nahm er nach Abitur und Wehrdienst gleichzeitig einen Job an und ein Studium auf – das ist ein besonderes Ausbildungsangebot in Baden-Württemberg: Die Berufsakademie. Dabei ist man immer im Wechsel drei Monate beim Arbeitgeber und drei Monate an der Hochschule. Es ist wie beim Studium, nur dass man keine Semesterferien hat. Michels Arbeitgeber, das Heilpädagogische Kinderdorf, hatte nur das halbe Jahr etwas von seinem Mitarbeiter. Dafür musste es aber monatlich auch nur 350 DM für ihn bezahlen – ein Azubi-Gehalt. „Nur meine Schule war eben nicht die Berufsschule, sondern die Fachhochschule.“ Nebenher jobbte Michel an der Tankstelle, übernahm diese zehnstündigen Nachtschichten an der Durchreiche. Und weil er preiswert bei den Eltern gewohnt hat, kam er finanziell über die Runden. Nach der Ausbildung landete er zunächst in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. „Die sozialpädagogischen Stellen liegen auch nicht auf der Straße und als Berufsanfänger muss man da hingehen, wo was zu kriegen ist“, sagt er heute. Die Einrichtung wurden von katholischen Ordensschwestern geleitet und hatte entsprechend hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter: „Der Erzieher sollte Vater und Mutter ersetzen“, sagt Michel, „das hätte bedeutet, dass man den Rest seines Lebens aufgibt, dass man wie eine Nonne kein Privatleben mehr hat.“ So etwas kann ein junger Mensch nicht lange durchhalten und in Michel wuchs die Unzufriedenheit. Mit seinen Schützlingen musste er die einfachsten Dinge des Alltags trainieren: rechtzeitig aufstehen, zur Schule gehen, vernünftig miteinander umgehen. „Natürlich ist das frustrierend“, sagt er, „man muss sich Selbstschutz organisieren.“ Nachdem er ein halbes Jahr in dem Heim gearbeitet hat, erfuhr Michel von der Stelle bei den Johannitern. „Das war eine Schicksalsfügung“, sagt er heute, denn da wurde genau das gesucht, was er gelernt hat und dazu auch noch in seiner Heimatstadt Aalen. „Mit Hilfsorganisationen hatte ich gar nichts zu tun, als ich zu den Johannitern kam“, bekennt er, sein Steckenpferd war vielmehr der Sport, Fußball und Tennis. Doch im November 1989 wurde er von der JUH in Aalen als deren „Berufsjugendlicher“ eingestellt und zum Leiter der Jugendarbeit. Oberstes Ziel damals: Neue Ehrenamtliche gewinnen. Also knüpfte Michel Kontakte zu den örtlichen Schulen, bot Erste Hilfe Kurse an und verhandelte mit den Schulleitungen darüber, über die Einführung von Schulsanitätsdiensten. „Wir können in besonderer Weise Jugendliche zu sozialem Engagement motivieren“, ist Michel überzeugt. Es sei ein gruppendynamischer Prozess: Gute Leute machen den Anfang und ziehen wieder welche an. Sanitätsdienst in der Schule sei für manche Schüler zum Statusfaktor geworden: Wir dürfen was machen und die Lehrer halten sich zurück. „Die Lehrer haben das akzeptiert und stehen voll hinter dem Konzept dahinter“, sagt Michel, „keiner glaubt, er sei kompetenter als die Jugendlichen.“ Diese Erfahrung zu machen, ist ein tolles Gefühl für jeden Schüler. Mit dem 40. Lebensjahr hat Michel sich entscheiden, nicht mehr aktive Jugendarbeit zu leisten. 2002 wurde er stattdessen Ausbildungsleiter der Johanniter und koordiniert jetzt alle Ausbildungsangebote im Regionalverband Ost-Württemberg. Und in seinem Regionalverband gibt es jetzt auch eine Mitarbeiterin, die zugleich an einer Berufsakademie studiert. Denn dieses Modell kann Michel uneingeschränkt empfehlen. Oliver Numrich

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Portrait: Vom Sanhelfer zum jüngsten Kreisgeschäftsführer

Der Mann, der heute JUH-Vorstand in Ravensburg ist, wurde mit einem Trick zu den Johannitern gelockt. Es geschah im Konfirmandenunterricht: „Uns wurde gesagt, dass alle Konfirmanden bei den Johannitern kostenlos einen Erste Hilfe-Kurs machen können“, sagt Stefan Dittrich heute. Der Kurs begann eine Woche nach der Konfirmation, zur gleichen Uhrzeit, zu der sonst der Pfarrer die christlichen Grundsätze gelehrt hatte. Was keiner von ihnen wusste: Damals wurde Erste Hilfe überall umsonst angeboten! Die Anpreisung war nur ein Lockmittel, um die Konfirmanden nahtlos zur JUH zu überführen. Die Ausbildung zog sich über fast vier Monate hin, anschließend hat der Ausbilder gefragt, wer bei der Jugendgruppe mitmachen will. „Ich hatte Lust“, erinnert sich Stefan, „aber meine Eltern nicht!“ Denn bei der Johanniter-Jugend wurden braune Hemden getragen und das war ihnen suspekt. Stattdessen hat er dann mit 16 einen Sanitätshelferkurs gemacht, bei dem er richtig viel büffeln musste: „Dafür haben wir uns super gefühlt nach der Prüfung, wir waren die, die anpacken und helfen konnten“, erinnert er sich. Das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Johannitern hat ihn schon damals begeistert. Eines Abends – die Eltern sind im Urlaub – knattert er mit seinem Mofa durch Ravensburg und sieht, dass bei den Johannitern noch Licht brennt: Kollegen packen für die Interschutz in Hannover, die große Rettungsdienstmesse. Noch in der Nacht wollen sie losfahren. Spontan schließt Stefan sein Mofa an und kommt mit: Eine Nacht rauf, einen ganzen Tag vor Ort und die nächste Nacht zurück. „Das war ein spontanes Abenteuer für mich damals“, sagt der heute 36-Jährige. Dass er keinen Pfennig bei sich hatte war kein Problem: die beiden älteren haben alles bezahlt, vom Eintritt bis zum Essen. „So was vergisst man nicht“, sagt Stefan, „diesen Zusammenhalt fand ich toll.“ Auch während seiner Ausbildung zum Steuerfachangestellten schaut er zusätzlich zu den Gruppenabenden jeden Freitagnachmittag in der Dienststelle vorbei. Die etwas trockene Ausbildung hat er auf Drängen der Eltern angefangen. Weil die Arbeit im Steuerbüro jeden Tag bereits um 6:30 Uhr begann, war schon um 15 Uhr Schluss und Stefan konnte bei den Johannitern das Materiallager aufräumen oder irgendetwas aushecken. „Im Nachhinein muss ich meinen Eltern sogar dankbar sein“, sagt Stefan, „denn durch Steuerausbildung hatte ich Verständnis für Zahlen und Betriebsführung entwickelt.“ Doch dann wurde eine Stelle als Sachbearbeiter für Soziale Dienste bei den Johannitern frei und Stefan zögerte keine Sekunde, sich zu bewerben. „Die haben mich gleich eingestellt, weil ich einer der ehrenamtlich ganz Aktiven bei den Johannitern war“, sagt er heute. Auf dem neuen Posten war er vor allem „Zivi-Dompteur“, musste sich um alle Autos kümmern und Auslandstransporte nach Bosnien organisieren. Als kurze Zeit später der Kreisgeschäftsführer die Johanniter verließ, um einen lukrativeren Job in der freien Wirtschaft anzunehmen, liebäugelte Stefan mit dem Chefposten. Im Wesentlichen waren sich alle einig: Mit 21 war er viel zu jung für den Posten und außerdem etwas vorlaut. Aber weil er sich so engagierte und vor Tatendrang strotzte, gab man ihm eine Chance. Und Stefan nutzte sie. Er absolvierte etliche Fortbildung für Führungskräfte und ein mehrjähriges Fernstudium zum Sozialbetriebswirt. Damals arbeiteten nur fünf Hauptamtliche in der Dienststelle in Ravensburg. Doch wenn er denen mal ein ernstes Wort reden musste, konnte er vorher nächtelang nicht schlafen. Heute hat sein Verband 75 hauptamtliche Mitarbeiter und Stefan hat sich an seine Führungsposition gewöhnt. Seit ein paar Jahren ist er Mitglied bei „Round Table“, das ist eine Vereinigung von Männern zwischen 18 und 40 Jahren. Ziel des Clubs ist es, seinen Mitgliedern beruflichen und privaten Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Daneben geht es auch um den „Dienst an der Allgemeinheit“ in Form von Benefizaktionen etwa für die AIDS-Hilfe oder hilfsbedürftige Ravensburger Familien. „Round Table hat meinen Horizont unheimlich erweitert“, sagt Stefan, der über den Club viele neue Kontakte ins In- und Ausland gewonnen hat. Jungen Johannitern, die das Ziel haben, einmal Vorstand bei der JUH zu werden, rät Stefan, die Grundlagen des Wirtschaftens zu erlernen, zum Beispiel mit einer kaufmännischen Ausbildung. Ohne solche Grundlagen komme man heute nicht mehr aus, dafür habe ein Vorstand zu viel Verantwortung für geordnete Finanzen und sichere Arbeitsplätze. Und sonst? Das Rezept des zweifachen Vaters klingt bestechend einfach: „Nicht ducken, einmischen und interessiert durchs Leben gehen.“ Oliver Numrich

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