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Lieferjunge für eisgekühlte Organe: Thomas Vorbach jettet für einen guten Zweck durch die Welt

vorbach1Rostock/Berlin – Bei den Johannitern gilt es manchmal, recht exotische Aufgaben zu übernehmen. Zum Beispiel im Hubschrauber als Rettungsassistent mitfliegen oder als Evaluator für Hilfseinsätze durch Krisengebiete stromern. Oder mit einem unscheinbaren Köfferchen durch die Welt jetten. Das macht Thomas Vorbach, 31, für die Rostocker Johanniter und die machen das im Auftrag der Uniklinik. In seinem Koffer frieren menschliche Organe auf crushed ice einem neuen Körper entgegen.
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Johanniter gehen auf Tauchstation – JUH jetzt mit Froschmännern

Die erste Tauchergruppe der Johanniter-Unfall-Hilfe trainiert im holsteinischen Eutin. Zum neuen Einsatzgebiet kam man eher zufällig: Das Technische Hilfswerk löste seine Gruppe auf und unter den Eutiner JUHlern fanden sich Hobbyschnorchler und sogar ein Tauchmediziner. Also übernahm Regionalvorstand Siegfried Noel vom THW die Ausrüstung samt Tauchmobil und jetzt warten Feuerwehr und Polizei schon sehnlichst auf die Unterwasserunterstützung der christlichen Hilfsorganisation. Den Rest des Beitrags lesen »

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Kinderkrankenpflege: Alles, nur kein Kinderkram

Unaufhörlich klingelt das Mobiltelefon von Hildegard Mengel – im Auto, bei Patienten, beim Mittagessen, im Interview. Die Fünfundvierzigjährige ist Leiterin der ambulanten Kinderkrankenpflege der Johanniter in Mainz und ständig gefragt. Eltern rufen an, weil eine automatische Sonde im Alarmmodus piept oder das Kind nicht zu weinen aufhört. Kinderärzte, die Patienten aufnehmen lassen wollen, fragen nach freien Kapazitäten. Krankenkassen läuten Sturm, um über Kostenübernahmen zu streiten. Mengels Nummer steht im Faltblatt, das in Arztpraxen ausliegt und ihre Handynummer ist die Notfallhotline, die an den Elterntelefonen klebt. Und Notfälle passieren ständig, auch nachts und am Wochenende. Dann schmeißt Mengel diejenige Kollegin aus dem Bett, die am nächsten wohnt, auch wenn es nur eine Teilzeitkraft ist: „Kannst Du bitte mal hinfahren und nachsehen.“ Und wenn sich niemand findet, fährt sie eben selbst. In ihrem Job haben Dienstpläne eine kurze Halbwertszeit, alles richtet sich nach den kleinen Patienten. Einen hohen Grad an Flexibilität und Engagement erwartet sie von allen im Team, das zur Zeit aus sieben hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und 15 Aushilfen besteht. Die Wechsel ihrer Schützlinge aus dem Krankenhaus, in das Krankenhaus, zwischen intensiver und weniger Betreuung, die Neuaufnahme von Patienten oder ihr Sterben, all das macht Personalplanung schwer. Immer wieder muss die engagierte Schwester Aufnahmeanfragen ablehnen, wenn das neue Kind das einzige in einem abgelegenen Städtchen wäre. Denn für eine Spritze pro Tag, für die sie nur wenige Behandlungsminuten abrechnen kann, lohnt sich keine weite Anfahrt. Dabei kurven die Johanniter-Schwestern schon 40 Kilometer rund um Mainz. Eine Absage bedeutet, dass die Kinder im Krankenhaus bleiben müssen und die Eltern enttäuscht sind. „Pflegestationen für Erwachsene nehmen keine Kinder als Patienten auf, weil sie zu kompliziert sind“, erklärt Mengel, „denen sind Senioren lieber, die sich einfacher pflegen lassen.“ Auch die Krankenkassen sind ein Stressfaktor für Mengel, selbst dreifache Mutter: Denn es gibt keine bundesweite Regelung der Kinderkrankenpflege, jeder Fall wird einzeln begutachtet und häufig genug abgelehnt. Einzelfallentscheidungen bedeuten aber immer ein großes Risiko für den Pflegedienst. Manchmal erhält sie erst 14 Tage nach Beginn der Pflege die Nachricht, dass die Kasse die Kosten übernimmt. Oder auch nicht. „Dabei ist die Unterbringung im Krankenhaus so viel teurer!“, entrüstet sich Mengel mit roten Wutflecken im Gesicht , „und für die Kinder und die Familie ist es schöner, wenn es gesundheitlich irgendwie geht, zu Hause zu sein.“ Die Kosten hängen wie ein Damoklesschwert über ihrer Arbeit: „Sobald ein Kind ins Krankenhaus kommt, habe ich schnell wieder zu viele Kosten. Eine Familie, die wir täglich vier Stunden betreuen, fährt jetzt in den Urlaub – das Geld fehlt mir natürlich sofort.“ Mengel sieht ihre Aufgabe vor allem darin, die Eltern bei der Pflege anzuleiten, ihnen die Scheu zu nehmen. „Die meisten Eltern lernen nach einer Weile, ihre Kinder zu versorgen. Neben der praktischen pflegerischen Hilfe brauchen sie drei Dinge von uns: eine Telefonnummer, Vertrauen und Verständnis für ihre Sorgen und Ängste.“ Trotz Ärger und Kummer macht ihr die Arbeit bei den Johanniter Spaß. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Arbeit: „Als Kinderkrankenschwester sind sie ja alleine vor Ort. Sie müssen die Entscheidungen treffen, es gibt keinen Arzt wie im Krankenhaus, den sie mal eben fragen können.“ Ihre Hobbys? Familie, Haus und Garten – in der Reihenfolge. Und dann noch Reiten und Nordic Walking im Gonsenheimer Wald, aber dazu kommt es selten und selbst dann ist das Handy immer eingeschaltet. Oliver Numrich

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Prinzip Hoffnung: 1-Euro-Jobs – Zwangsarbeit oder Chance?

Haste mal nen Euro-Jobber?

Haste mal nen Euro-Jobber?

Von einem „Verschiebebahnhof in die Armut“ spricht der Arbeitslosenverband, kein „Wunderheilmittel, sondern ein Medikament mit vielen Nebenwirkungen“ nennt sie  der Deutsche Gewerkschaftsbund. Die Rede ist von 1-Euro-Jobs, jenem neuen Instrument der Beschäftigungsförderung aus dem Harzt-IV-Paket der Bundesregierung, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Zwischen 500.000 und einer Millionen davon sollen in diesem Jahr entstehen. Auch in fast allen Landesverbänden der Johanniter sind 1-Euro-Jobber beschäftigt. Die neue Art der öffentlich geförderten Jobs hat der umstrittene Chefreformer Peter Hartz für Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die vormaligen Empfänger von Sozialhilfe,  kreiert. Wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) sollen sie einerseits der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsalltag dienen, sind andererseits ein handfestes Druckmittel gegen unmotivierte Arbeitslose, die ihre Mitwirkungspflicht bei der Stellensuche vernachlässigen. Diesen Arbeitslosen kann die Arbeitsagentur bis zu 30% der Bezüge streichen, jugendlichen Arbeitslosen unter 25 können die Leistungen sogar komplett gestrichen werden. Die Bundesregierung nennt dieses Prinzip gerne „Fördern und Fordern“, in anderen Zeiten hätte man gesagt „Zuckerbrot und Peitsche“. Handelt es sich bei den Ein-Euro-Jobs also um eine moderne Form der Zwangsarbeit wie manche Betroffenenverbände formulieren?

JUH-Vrostand von Woedtke

JUH-Vorstand von Woedtke

„Also, Unwillige kann ich mir nicht in diesem Job überhaupt nicht vorstellen“, sagt Frank v. Woedtke, 35, ehrenamtlicher Vorstand des sächsischen Kreisverbandes  Löbau-Zittau. „Die Jobber haben sich freiwillig bei Johannitern beworben und daraus wurden 15 ausgewählt. Voraussetzung sei deren persönliche Offenheit für die Arbeit mit Kinder oder alten Leuten. V. Woedtkes Landkreis ist eine von deutschlandweit 69 „optierenden“ Kommunen, die die Aufgaben der Arbeitsagentur mit übernommen haben. Als klar war, dass das örtliche Job-Center 500 1-Euro-Jobs 500 einrichten würde, ist er zum Landrat marschiert und hat die Johanniter ins Spiel gebracht. Dann hat er einen Brief an die Johanniter-Akademie geschrieben und gefragt, ob die eine entsprechende Weiterbildung anbieten können. Postwendend schickte die das Konzept zum „Betreuungsassistenten im Rahmen von Hartz IV“, eine niedrigschwellige Berufsqualifikation bestehend aus Erster Hilfe, Grundlagen der Pflege und Motivationsseminar. „Uns war wichtig, den Leuten auch etwas mitzugeben, wenn sie sich für ein halbes Jahr bei uns engagieren“, sagt v. Woedtke. So erhalten die 15 1-Euro-Jobber bei den Johanniter im KV Löbau-Zittau am Ende der halbjährigen Tätigkeit neben den praktischen Erfahrungen auch ein Abschlussurkunde, die motivieren und sich bei der Stellensuche positiv auswirken soll. Katrin Schenke, 32, hat sich blindlings bei den Johannitern beworben, als sie von der Möglichkeit der 1-Euro-Jobs erfuhr. Die Langzeitarbeitslose aus Großschönau findet keine Anstellung als Köchin. Eigentlich wollte sie eine Umschulung zur Altenpflegerin machen, aber das Arbeitsamt lehnte die Finanzierung ab, weil ihr Kochberuf „verfügbar“ sei – allerdings nur im Schichtdienst und dem kann die Alleinerziehende eben nicht nachkommen. Die junge Mutter hat schon ein halbes Jahr bei Johannitern in Programm „Arbeit für Langzeitarbeitslose“ verbracht, pflegt nebenher ihren zuckerkranken Vater und hofft darauf, sich neben der Tätigkeit bei den Johannitern zur Altenpflegerin weiterbilden zu können. „Manche sagen ‚Du bist ja blöd, für 1,50 Euro arbeiten zu gehen’, aber ich will ja nicht zu Hause sitzen“, sagt Schenke. „Die Arbeit macht mir Spaß und die 180 Euro im Monat werden nicht angerechnet, das hilft schon weiter.“ Auch die anderen 14 Langzeitarbeitslosen des Kreisverbandes haben sich freiwillig bei den Johannitern beworben. Wie Sylvia Krischker, 48. Die  Textilfacharbeiterin ist seit 12 Jahren arbeitslos. Seit 1666 wurde in Großschönau Damast gewebt, 1986 stand hier der erste Frottierhandwebstuhl Deutschlands, zu DDR-Zeiten schlug in der Oberlausitz das Herz der Textilindustrie. Heute erinnert nur noch das „Deutsche Damast- und Frottiermuseum“ an die einstigen Arbeitsplätze. Sylvia Krischker bewarb sich bei allen örtlichen Wohlfahrtsorganisationen. AWO und Volkssolidarität sagten ab, DRK, Jugendweihe-Verband und JUH waren bereit, sie zu nehmen. Sie entschied sich für die JUH, weil die als erste antworteten. „Ich wollte ein Vorbild für meine drei Kinder sein“, sagt Krischker, „und den ersten Job nehmen, der klappt.“ Auch Ralf Witschas, 38, ist einer 15 1-Euro-Jobber in Löbau-Zittau. Der Elektromontierer fährt seit einem Jahr als Geringfügigbeschäftigter für die Johanniter Essen aus. Doch weil das Einkommen zu 85% auf das Arbeitslosengeldes II angerechnet werden, bleiben ihm von rund 400, Euro nur 60 Euro übrig. Durch den 1-Euro-Job macht er dieselbe Arbeit, aber fährt finanziell besser. Zur Zeit hat er 14 Kunden, die täglich warmes Essen aus der Lazarus-Küche bekommen. Seine Alten freuen sich, wenn er ihnen nach der Schulungswoche, wieder selbst das Essen bringt. „Aha, der Chef kommt wieder persönlich“, sagen die dann. Wenn es mal mehr Kunden werden sollten, hat ihm der Vorstand Hoffnungen gemacht, würde er regulär. Aber 14 warme Essen, das reicht nicht für eine echte Stelle. „Ich mache, um überhaupt was zu tun, damit man am Ball bleibt.“ Ob sich dieser Ball tatsächlich jemals in den sächsischen Zipfel zwischen Tschechien und Polen verirrt? „Jede Sparte von GFB, über Zivi, FSJ oder 1-Euro-Job hat was besonderes anheim“, sagt Thomas Deuter, Vorstand im Regionalverband Nordschwaben, „Jobber bleiben maximal ein Jahr bei uns und können zwischendurch abspringen. Aber sie haben einen finanziellen Vorteil gegenüber FSJlern.“ Deuter, der zur Zeit drei 1-Euro-Jobber in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit und Seniorenbetreuung beschäftigt, ist der Meinung, jede Dienststelle müsse den richtigen Mix finden. Letztendlich komme es auf die Motivation der Bewerber an. Denn die Voraussetzung dafür, dass 1-Euro-Jobs könnten sowohl als Integrationshilfe für Menschen dienen, die lange aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, als auch für die Träger von Nutzen sind, sei, dass die Betroffenen selbst auch mitmachen wollen. Seine persönlichen Erfahrungen mit den neuen Arbeitsangeboten sind durchweg positiv: wirtschaftliche und soziale Vorteile für die Träger und die Betroffenen. „Denn wer zu Hause sitzt und dem die Decke auf den Kopf fällt, der freut sich wenn er wieder eine Aufgabe bekommt“, sagt Deuter, „und das liest sich auch im Lebenslauf besser, wenn da steht, dass sich jemand bei den Johannitern engagiert hat.“ Oliver Numrich

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Weihnachten naht: Achtung, Gutmenschenalarm!

Wider großstädtischem Überlebenskampf und spätkapitalistischer Ellenbogen-Mentalität macht Berlin zum Jahresende ein freundliches Gesicht: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich, helfen Heiligabend in der Suppenküche, versorgen nach Feierabend hungrige Lebensretter, betreuen HIV-Kranke oder sammeln Spenden für Notleidende in aller Welt. Aber warum arbeiten immer mehr ohne Bezahlung? Über den Trend zum ehrenhaften Engagement.

„Also, ich bin der Marcus und ich möchte hier heute mithelfen…“ Es ist Heiligabend, kurz vor Fünf, am hinteren, zugigen Ende des Ku‘damms. Marcus, Tom und Elisabeth stellen sich den festen Mitarbeitern vor. Sie sind Freiwillige, die sich vorgenommen haben, heute Abend der Stadtmission zu dienen. Wie jedes Jahr werden rund achtzig Gäste erwartet: Obdachlose, Alte, Einsame, denen man hier eine Weihnachtsparty arrangiert. „Ihr könnt die bunten Teller für die Tische vorbereiten“, schlägt der Missionskoch vor. Im Materiallager stapeln sich von Toben gespendete Kuchenbleche, Apfelsinenkisten und Keksdosen. Germanistik-Student Marcus, Buchhändler-Azubi Tom und Stewardess Elisabeth versuchen, sich in der ungewohnten Umgebung nützlich zu machen, indem sie Kuchenscheiben auf Pappteller klatschen. „Wir haben noch zu“, wimmelt eine Sozialarbeiterin die Vermummten ab, die im Eiswind vor der Tür schlottern. Schnelle Einweisung: „Bis Acht sind die Getränke frei, danach kostet alles 30 Cent, jeder kriegt eine Gänsekeule mit Grünkohl und Kartoffeln, Nachschlag nur Grünkohl mit Kartoffeln, Alkohol ist verboten.“ Die Eintags-Helfer sind nervös, als die ersten das mollig warme Ladengeschäft betreten. Ein Rentner mit hoch gerecktem Kopf im verschlissenen Anzug, ein Häufchen Treber in Lumpen, der große, dünne Typ, der manchmal vor dem Kranzler-Eck zu Musik auf einem Hocker steht und Touristen schockiert. Gleich am Anfang gibt es Stunk, weil die Ehrenamtlichen immer nur drei Apfelsinen auf die bunten Teller gelegt haben, aber vier Leute an jedem Tisch sitzen. Außerdem haben sie zu reichlich Kekse aufgefahren, der Koch ist genervt: „Das muss bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag reichen.“ Am Ende der Happy Holy Hour herrscht Andrang am Saft- und Kaffeetresen. „Schnell, gib mir drei Pötte Glühwein“, verlangt ein Straßenpunk und meint ein aromatisiertes Teegebräu. Doch zwischen den ungelenken Handreichungen bleibt den Ehrenamtlichen auch Zeit für Gesten, für Blicke und Gespräche. Fast hat man den Eindruck, der Stadtmission liegt weniger an der körperlichen Mithilfe der Ehrenamtlichen, als an der Begegnung. Freiwillig Fremden helfen – nur die perfekte Ausrede, um Weihnachten nicht unter dem heimischen Tannenbaum präludieren zu müssen? Pure Sozialprotzerei? Oder ist gar freiwilliges Engagement die soziale Gegenbewegung zu Schnäppchen-Manie und Ich-zuerst-Mentalität, die sich in den letzten Jahren im deutschen Gemüt breit gemacht hat? „Vielleicht ist das so“, sagt Ulrich Wiebusch von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz „zumindest nimmt das bürgerschaftliche Engagement insgesamt zu – in Berlin weist der Trend nach oben.“ Ob Ehrenamt oder Vereinsaktivität, in Selbst- oder Nachbarschaftshilfe, einmalig oder regelmäßig – die Berliner kümmern sich und wollen kein Geld dafür. 1999 wurde erstmals bundesweit zum Bürgerengagement umgefragt: 24 Prozent der Berliner waren damals aktiv. „Bei der aktuellen Umfrage von 2004 liegt die Quote deutlich höher“, triumphiert Wiebusch, will aber noch keine genauen Zahlen nennen, weil noch bis nächsten April ausgewertet wird. Nur das kann man schon verraten: Der Osten hat aufgeholt. 1999 gaben in den östlichen Bezirken Berlins weniger Befragte an, sich regelmäßig aktiv für das Gemeinwohl einzusetzen als 2004. Auch im Westteil ist die Zahl der Aktiven gestiegen – Berlin-Gesamt ist, wie immer, eine Mischpoke. „Die notwendige Infrastruktur für Bürgerengagement musste im Osten erst geschaffen werden“, erklärt Jan Reichmann, der den 2. Freiwilligensurvey für das Bundesfamilienministerium analysiert. Jetzt sei freiwillige Arbeit weniger eine Frage von West oder Ost, sondern von funktionierenden Kiezen oder Problemzonen. „Da wo die Leute insgesamt zufrieden sind, ist auch das Engagement größer, in den Problemkiezen gibt es weniger Ehrenamt.“ Also gerade da, wo Einsatz nötig wäre, kommt er nicht zustande. Oder umgekehrt: Weil bürgerschaftliches Engagement fehlt, entstehen innerstädtische Jammertäler. Ein Grund für die Missverhältnisse: Es fehlt an zugkräftigen Angeboten für Migranten. Denn es bekunden deutlich mehr befragte Migranten ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, als es Aktive gibt. Ein klarer Auftrag an Non-Profit-Organisationen, Sportvereine und Selbsthilfegruppen, aktiv zu integrieren und sich freiwillig für Freiwillige mit Migrationshintergrund zu öffnen. „Bürgerschaftliches Engagement“, sagt der Meinungsforscher aus Marzahn, „ist ein Schlüssel für eine gelingende Integrationspolitik.“ Auch sonst durchlebt das Ehrenamt einen Wandel: Die jungen Alten ab 55 engagieren sich stärker als früher, weil sie länger aktiv bleiben und gebraucht werden wollen. Und es gibt immer mehr kurzfristiges Adhoc-Engagement á la „Essen an Heiligabend austeilen“ und weniger klassisches Dauerehrenamt, bei dem man sich langfristig an einen Träger bindet.

Auf die klassische Tour macht es Sven Klingelhöfer. Er kocht für die Johanniter-Unfall-Hilfe. Seit acht Jahren verpflegt der 26-Jährige die Sanitäter und Helfer bei Großeinsätzen etwa zum Kirchentag oder Katastrophen wie dem Elbe-Hochwasser. Einmal die Woche marschiert er nach Büroschluss zum Zugabend, vor den Kocheinsätzen, die oft über mehrere Tage gehen, muss er organisieren und einkaufen. Da muss das Versorgungsteam Küchenzelt und Bierzeltgarnituren aufbauen, Ein- oder Mehrkomponentenessen plus Veggi-Ausweichessen zaubern, alles reinigen, verpacken, wieder abbauen – viel harte Arbeit. Pro Woche kommt er auf zehn Stunden – ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. „Der Dank ist meine Weiterbildung, da investieren die Johanniter ja in mich“, sagt Klingelhöfer, „und die Befriedigung meines Egos.“ Denn es mache ihn stolz, wenn es gelingt, beim Kirchentag 500 Sanitäter drei Mal täglich satt zu kriegen. Und Freundin Steffi hat er auch den Johannitern zu verdanken – sie haben sich bei einem Sanitätseinsatz kennen gelernt. Zusammen mit Mutti Ingrid und deren Mann, dem Bruder und dessen Freundin gehört sie jetzt zum Feldküchenteam. Hier hat ein Ehrenamtlicher die ganze Familie in sein Engagement einbezogen. Also auch im traditionellen  ehrenamtlichen Wirkbereich eine Zunahme? „Nein“, sagt Klingelhöfer, „in Anbetracht der vielen Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen in Berlin sind doch zu wenige engagiert. Dabei finden wir für jeden etwas, der sich einbringen will.“ Die klassischen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen haben es schwer, kostenlose Arbeitskräfte für die vielfältigen sozialen Dienste zu bekommen, die keiner bezahlen kann oder will: Wehr- und damit auch Zivildienst werden immer kürzer, womöglich bald ganz abgeschafft. Und auch das Freiwillige Soziale Jahr kann jungen Menschen nicht überall als schmackhafte Alternative untergejubelt werden. Ehrenamtliche aber stellen Ansprüche. „Sie wollen ernst genommen werden“, sagt der 27-jährige Sozialwissenschaftler Reichmann, „es genügt eben nicht, Ehrennadeln zu verteilen, es muss eine institutionelle Öffnung spürbar sein.“ Es gehe um Teilhabe an politischen Prozessen. Denn während die jüngeren vor allem Gemeinschaft suchen, engagieren sich die älteren Ehrenamtlichen mit einem gesellschaftspolitischem Motiv: Sie wollen etwas verändern, auch wenn es nur im Kleinen ist. Einen angesichts der unendlichen Armut in Kaschmir geradezu winzigen Beitrag leisten, will auch Gabriele Ramm. Die Schauspielerin ist zurzeit als Elfriede Fennichfux im Schlosspark-Musical „Pinkelstadt“ zu sehen. Seit einem privaten Aufenthalt im Jahre 1998 engagiert sie sich für Mädchen in der moslemisch dominierten Kaschmirregion. Dazu veranstaltet sie regelmäßig Benefizkonzerte, bei der sie Theaterkollegen auf die Bühne und die Gäste zur Kasse bittet. „Die Armut, die hygienischen Verhältnisse, haben mich schockiert“, sagt Gabriele Ramm, „ich dachte: Du musst etwas tun.“ Weil sie den großen Hilfsorganisationen nicht zutraut, so gewissenhaft wie sie selbst mit den eingenommenen Spenden umzugehen, hat sie mit Freunden einen eigenen Mini-Verein gegründet, Inter-Educare e.V..  „Wir verschicken keine Spendenbriefe, machen keine Werbung, ich kann selbst dafür garantieren, dass das Geld auch ankommt“, sagt Ramm. Ihre Flüge nach Indien bezahlt sie aus der eigenen Tasche, alle Einnahmen gehen direkt in Projekte wie ein Waisenhaus oder eine Mädchenschule. Ihre Motivation? „Wenn ich in die Augen der Mädchen sehe, denen ich helfen konnte, dann ist das zugleich meine Gage und mein Applaus“, schwärmt Ramm. Akkurates Ehrenamtsregelement herrscht dagegen bei der Berliner AIDS-Hilfe. Freiwillige brauchen einen langen Atem, Adhoc-Engagement ist nur zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember möglich, wenn den Berlinern die Spendendosen unter die Nasen gehalten werden. Für alles andere ist der Vorlauf bis zum ersten Einsatz lang. Keiner kann kommen und sofort helfen. Am Anfang steht der Infoabend, da wird grob erklärt und ein „Bewerbungsbogen“ ausgefüllt. Dann lädt die AIDS-Hilfe zu zweistündigen Vorgesprächen ein. Darin wird überprüft, ob der Bewerber die psychische Stabilität für die schwierige Betreuungsarbeit mitbringt. Es folgt Basistraining, darin geht es einen Tag lang um medizinische Fragen rund um HIV und AIDS. Telefonberater und Begleiter erhalten darüber hinaus eine Schulung an zwei Wochenenden. „Wir haben zwei Verantwortungen“, sagt Markus Wickert, „den Ehrenamtlichen und den Klienten gegenüber – deshalb der lange Vorlauf.“ Wickert ist hauptamtlich für die Organisation der rund 220 ehrenamtlichen Mitarbeiter zuständig. Die Freiwilligen – von der Studentin bis zum Rentner ist alles dabei – wirken in allen Bereichen: Sie beraten im persönlichen Gespräch oder am Telefon, besuchen Patienten im Krankenhaus oder HIV-Positive im Knast, organisieren Adventsfeiern, AIDS-Galas und zwei mal in der Woche Frühstücke für Positive und ihre Freunde. „Wir kommen aus der Selbsthilfe und leben davon, dass hier Menschen ehrenamtlich mitarbeiten“, sagt Wickert und deshalb haben Ehrenamtliche hier auch Mitspracherechte und können Dinge beeinflussen. Das Interesse daran schwankt saisonal, „aber nach meinem Gefühl melden sich in letzter Zeit mehr Interessierte bei uns als früher.“ Marcus und seine neuen Freunde gehen nach der Bescherung in der Stadtmission noch einen echten Glühwein trinken. Sie haben ihr Soll an guten Taten für dieses Jahr erfüllt. Ob sie sich jetzt regelmäßig engagieren, weiß nur der Weihnachtsmann. Oliver Numrich

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Portrait: Vom Heimerzieher zum Ausbildungsleiter

Aalen – Sozialpädagogen haben vielfältige Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten. Der Diplom-Sozialpädagoge Harald Michel, 44, etwa hat lange die Jugendarbeit der Johanniter in Aalen betreut. Eigentlich wollte er Lehrer werden, aber da gab es damals, vor 20 Jahren, kaum Aussichten auf eine Anstellung in Baden-Württemberg. Also entschied sich Harald Michel dazu, einen verwandten Beruf zu erlernen: Sozialpädagoge. Dafür nahm er nach Abitur und Wehrdienst gleichzeitig einen Job an und ein Studium auf – das ist ein besonderes Ausbildungsangebot in Baden-Württemberg: Die Berufsakademie. Dabei ist man immer im Wechsel drei Monate beim Arbeitgeber und drei Monate an der Hochschule. Es ist wie beim Studium, nur dass man keine Semesterferien hat. Michels Arbeitgeber, das Heilpädagogische Kinderdorf, hatte nur das halbe Jahr etwas von seinem Mitarbeiter. Dafür musste es aber monatlich auch nur 350 DM für ihn bezahlen – ein Azubi-Gehalt. „Nur meine Schule war eben nicht die Berufsschule, sondern die Fachhochschule.“ Nebenher jobbte Michel an der Tankstelle, übernahm diese zehnstündigen Nachtschichten an der Durchreiche. Und weil er preiswert bei den Eltern gewohnt hat, kam er finanziell über die Runden. Nach der Ausbildung landete er zunächst in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. „Die sozialpädagogischen Stellen liegen auch nicht auf der Straße und als Berufsanfänger muss man da hingehen, wo was zu kriegen ist“, sagt er heute. Die Einrichtung wurden von katholischen Ordensschwestern geleitet und hatte entsprechend hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter: „Der Erzieher sollte Vater und Mutter ersetzen“, sagt Michel, „das hätte bedeutet, dass man den Rest seines Lebens aufgibt, dass man wie eine Nonne kein Privatleben mehr hat.“ So etwas kann ein junger Mensch nicht lange durchhalten und in Michel wuchs die Unzufriedenheit. Mit seinen Schützlingen musste er die einfachsten Dinge des Alltags trainieren: rechtzeitig aufstehen, zur Schule gehen, vernünftig miteinander umgehen. „Natürlich ist das frustrierend“, sagt er, „man muss sich Selbstschutz organisieren.“ Nachdem er ein halbes Jahr in dem Heim gearbeitet hat, erfuhr Michel von der Stelle bei den Johannitern. „Das war eine Schicksalsfügung“, sagt er heute, denn da wurde genau das gesucht, was er gelernt hat und dazu auch noch in seiner Heimatstadt Aalen. „Mit Hilfsorganisationen hatte ich gar nichts zu tun, als ich zu den Johannitern kam“, bekennt er, sein Steckenpferd war vielmehr der Sport, Fußball und Tennis. Doch im November 1989 wurde er von der JUH in Aalen als deren „Berufsjugendlicher“ eingestellt und zum Leiter der Jugendarbeit. Oberstes Ziel damals: Neue Ehrenamtliche gewinnen. Also knüpfte Michel Kontakte zu den örtlichen Schulen, bot Erste Hilfe Kurse an und verhandelte mit den Schulleitungen darüber, über die Einführung von Schulsanitätsdiensten. „Wir können in besonderer Weise Jugendliche zu sozialem Engagement motivieren“, ist Michel überzeugt. Es sei ein gruppendynamischer Prozess: Gute Leute machen den Anfang und ziehen wieder welche an. Sanitätsdienst in der Schule sei für manche Schüler zum Statusfaktor geworden: Wir dürfen was machen und die Lehrer halten sich zurück. „Die Lehrer haben das akzeptiert und stehen voll hinter dem Konzept dahinter“, sagt Michel, „keiner glaubt, er sei kompetenter als die Jugendlichen.“ Diese Erfahrung zu machen, ist ein tolles Gefühl für jeden Schüler. Mit dem 40. Lebensjahr hat Michel sich entscheiden, nicht mehr aktive Jugendarbeit zu leisten. 2002 wurde er stattdessen Ausbildungsleiter der Johanniter und koordiniert jetzt alle Ausbildungsangebote im Regionalverband Ost-Württemberg. Und in seinem Regionalverband gibt es jetzt auch eine Mitarbeiterin, die zugleich an einer Berufsakademie studiert. Denn dieses Modell kann Michel uneingeschränkt empfehlen. Oliver Numrich

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Portrait: Wir sind alle ein bisschen verrückt

Frankfurt am Main – Es gibt Sportarten, da fragt man sich: Wie sind die denn da drauf gekommen!? Einrad-Hockey ist so eine. Und natürlich gibt es – wie immer – auch jemanden von den Johannitern, der genau dieser exotischen Sportart mit großem Eifer nachgeht: Julia Ungerer, Jugendgruppenleiterin in Frankfurt am Main und Mitglied der Landesjugendleitung in Hessen. Seit ihrem neunten Lebensjahr geht Julia Ungerer einmal die Woche zur Johanniter-Jugend in Frankfurt-Eckenheim. Ihre Schulfreundin Carola hatte sie beim ersten Mal mitgenommen und Julia „angefixt“. Das Spielen und Basteln hat ihr gefallen, das  Erste-Hilfe-Lernen und an Pfingsten zum Zelten Fahren ganz ohne Eltern. „Uns ist nie langweilig geworden“, sagt Julia, „als wir 16 wurden war gleich klar, dass wir zum BuAla fahren. Da hatten wir auch das erste Mal Kontakt zur Bundesebene.“ Heute ist Julia 20 und leitet gemeinsam mit Carola selbst eine Jugendgruppe. Auch in dieser Gruppe wird viel gespielt, meistens draußen. Dann Toben sie herum oder machen eine Schnitzeljagd durch Eckenheim. Dieses Jahr nahm die Gruppe das erste Mal am Landeswettkampf teil und erreichte gleich den dritten Platz von fünf 5 C-Mannschaften. Und das, obwohl sich einer der Teilnehmer in der ersten Pause beim Spielen den Arm brach. „Wir waren dann den Rest des Tages in der Uniklinik“, stöhnt Julia. Aber so ist das eben, wenn man Verantwortung für einen Haufen wilder Flöhe hat. Mit dem Einrad-Hockey hat sie vor ein paar Jahren angefangen, als irgendwie alle Einrad gefahren sind. „Man lernt das mit Abstützen am Gartenzaun und sehr oft Hinfallen“, sagt sie gequält. Dann hat sie an von der Gruppe „Radlos“ an der Uni gehört und ist einfach mal gucken gegangen. 20 bis 25 Leute kommen da jede Woche zum Radeln und dabei Hockeyspielen zusammen. Nach speziellen Spielregeln wird mit abgesägten Eishockey-Schlägern auf den Ball eingedroschen. Das klingt brutal, aber ernsthaft wehgetan hat sich Julia noch nicht, sagt sie zumindest. „Natürlich gibt es mal einen Bänderriss und einen eingequetschten Daumen, aber nicht mehr als bei jedem anderen Sport.“ Mit ihrer Freundin Andrea hat Julia sogar eine eigene Einrad-Hockey-Mannschaft, die  „Rollenden Rosinen“ aufgestellt, die sie auch trainiert. Wenn alle kommen, sind sie 15 Mann, oder besser 15 Frau, denn es machen fast nur Mädchen mit. Es gibt sogar Europa- und Weltmeisterschaften für Einrad-Hockey. „Alle, die diesen Sport betreiben sind ein bisschen verrückt“, gibt Julia zu. Das Schöne daran sei, dass es keine Feindschaften zwischen den Mannschaften gebe, wie bei Fußball oder anderen Sportarten. Julia hat schon zweimal an Europameisterschaften teilgenommen, für die man sich nicht extra qualifizieren muss – jeder der kommt kann sofort teilnehmen, sofern er vier Mitspieler mitbringt. Dass man in der Zeitung so wenig davon liest, wundert sie nicht: „Einradhockeyleute wollen keine Publicity, sondern Spaß haben, das ist für uns die Hauptsache.“ Im Moment trainiert sie allerdings fast gar nicht mehr, spielt nur noch hin und wieder bei Turnieren mit, weil sie das Freiwillige Soziale Jahr absolviert, ihre Jugendgruppe managt und wegen der Landesjugendleitung genug andere Termine an der Backe hat. „Manchmal fehlt mir dann auch der Antrieb“, gibt sie zu, „aber immer phasenweise werde ich wieder sportlich aktiv.“ Oliver Numrich

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Portrait: Vom Sanhelfer zum jüngsten Kreisgeschäftsführer

Der Mann, der heute JUH-Vorstand in Ravensburg ist, wurde mit einem Trick zu den Johannitern gelockt. Es geschah im Konfirmandenunterricht: „Uns wurde gesagt, dass alle Konfirmanden bei den Johannitern kostenlos einen Erste Hilfe-Kurs machen können“, sagt Stefan Dittrich heute. Der Kurs begann eine Woche nach der Konfirmation, zur gleichen Uhrzeit, zu der sonst der Pfarrer die christlichen Grundsätze gelehrt hatte. Was keiner von ihnen wusste: Damals wurde Erste Hilfe überall umsonst angeboten! Die Anpreisung war nur ein Lockmittel, um die Konfirmanden nahtlos zur JUH zu überführen. Die Ausbildung zog sich über fast vier Monate hin, anschließend hat der Ausbilder gefragt, wer bei der Jugendgruppe mitmachen will. „Ich hatte Lust“, erinnert sich Stefan, „aber meine Eltern nicht!“ Denn bei der Johanniter-Jugend wurden braune Hemden getragen und das war ihnen suspekt. Stattdessen hat er dann mit 16 einen Sanitätshelferkurs gemacht, bei dem er richtig viel büffeln musste: „Dafür haben wir uns super gefühlt nach der Prüfung, wir waren die, die anpacken und helfen konnten“, erinnert er sich. Das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Johannitern hat ihn schon damals begeistert. Eines Abends – die Eltern sind im Urlaub – knattert er mit seinem Mofa durch Ravensburg und sieht, dass bei den Johannitern noch Licht brennt: Kollegen packen für die Interschutz in Hannover, die große Rettungsdienstmesse. Noch in der Nacht wollen sie losfahren. Spontan schließt Stefan sein Mofa an und kommt mit: Eine Nacht rauf, einen ganzen Tag vor Ort und die nächste Nacht zurück. „Das war ein spontanes Abenteuer für mich damals“, sagt der heute 36-Jährige. Dass er keinen Pfennig bei sich hatte war kein Problem: die beiden älteren haben alles bezahlt, vom Eintritt bis zum Essen. „So was vergisst man nicht“, sagt Stefan, „diesen Zusammenhalt fand ich toll.“ Auch während seiner Ausbildung zum Steuerfachangestellten schaut er zusätzlich zu den Gruppenabenden jeden Freitagnachmittag in der Dienststelle vorbei. Die etwas trockene Ausbildung hat er auf Drängen der Eltern angefangen. Weil die Arbeit im Steuerbüro jeden Tag bereits um 6:30 Uhr begann, war schon um 15 Uhr Schluss und Stefan konnte bei den Johannitern das Materiallager aufräumen oder irgendetwas aushecken. „Im Nachhinein muss ich meinen Eltern sogar dankbar sein“, sagt Stefan, „denn durch Steuerausbildung hatte ich Verständnis für Zahlen und Betriebsführung entwickelt.“ Doch dann wurde eine Stelle als Sachbearbeiter für Soziale Dienste bei den Johannitern frei und Stefan zögerte keine Sekunde, sich zu bewerben. „Die haben mich gleich eingestellt, weil ich einer der ehrenamtlich ganz Aktiven bei den Johannitern war“, sagt er heute. Auf dem neuen Posten war er vor allem „Zivi-Dompteur“, musste sich um alle Autos kümmern und Auslandstransporte nach Bosnien organisieren. Als kurze Zeit später der Kreisgeschäftsführer die Johanniter verließ, um einen lukrativeren Job in der freien Wirtschaft anzunehmen, liebäugelte Stefan mit dem Chefposten. Im Wesentlichen waren sich alle einig: Mit 21 war er viel zu jung für den Posten und außerdem etwas vorlaut. Aber weil er sich so engagierte und vor Tatendrang strotzte, gab man ihm eine Chance. Und Stefan nutzte sie. Er absolvierte etliche Fortbildung für Führungskräfte und ein mehrjähriges Fernstudium zum Sozialbetriebswirt. Damals arbeiteten nur fünf Hauptamtliche in der Dienststelle in Ravensburg. Doch wenn er denen mal ein ernstes Wort reden musste, konnte er vorher nächtelang nicht schlafen. Heute hat sein Verband 75 hauptamtliche Mitarbeiter und Stefan hat sich an seine Führungsposition gewöhnt. Seit ein paar Jahren ist er Mitglied bei „Round Table“, das ist eine Vereinigung von Männern zwischen 18 und 40 Jahren. Ziel des Clubs ist es, seinen Mitgliedern beruflichen und privaten Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Daneben geht es auch um den „Dienst an der Allgemeinheit“ in Form von Benefizaktionen etwa für die AIDS-Hilfe oder hilfsbedürftige Ravensburger Familien. „Round Table hat meinen Horizont unheimlich erweitert“, sagt Stefan, der über den Club viele neue Kontakte ins In- und Ausland gewonnen hat. Jungen Johannitern, die das Ziel haben, einmal Vorstand bei der JUH zu werden, rät Stefan, die Grundlagen des Wirtschaftens zu erlernen, zum Beispiel mit einer kaufmännischen Ausbildung. Ohne solche Grundlagen komme man heute nicht mehr aus, dafür habe ein Vorstand zu viel Verantwortung für geordnete Finanzen und sichere Arbeitsplätze. Und sonst? Das Rezept des zweifachen Vaters klingt bestechend einfach: „Nicht ducken, einmischen und interessiert durchs Leben gehen.“ Oliver Numrich

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Konkurrenzdenken wird nicht akzeptiert

Dortmund – „Ohne die Jugendlichen wäre die Arbeit im Westfalenstadion nicht mehr zu schaffen“, sagt Werner Schlüter. Der 55-Jährige muss es wissen, denn er koordiniert für die Johanniter die Einsätze in der Borussen-Arena. Das Besondere bei diesem Einsatz ist nicht, dass junge Johanniter zum Team gehören, sondern die eingespielte Kooperation zwischen DRK und JUH. Seit 25 Jahren ist die JUH im dem Stadion tätig, das seit neustem nach dem Hauptsponsor Signal-Iduna-Park heißt. Bei jedem Heimspiel sind sie dabei, eigentlich immer wenn hier gespielt wird, egal ob Uefa-Pokal, Championsleague oder den DFB-Länderspiele. Auch bei allen sechs Spielen zur Fußball-WM waren sie im Einsatz. Schlüter hält sich dann im Sanitätsraum auf, kümmert sich um Funk und Telefone, legt die Dokumentation für die Patienten an, die in den Sanitätsraum Nord gebracht werden. Am Anfang hatten die Johanniter nur vier Helfer auf der Westtribüne, mittlerweile managen sie die ganze Nordtribüne mit 17 Leuten eigenständig, zusätzlich stellen sie einen  Krankentransportwagen, der im ganzen Stadion als Transportmittel für Fahrten ins Krankenhaus eingesetzt wird. Insgesamt gibt es fünf Sanitätsräume für die 80.000 Fußballfans. Davon wird einer von der JUH geleitet, der Rest vom DRK. Die Kreuzroten sind mit bis zu 100 Männern und Frauen im Einsatz, sie kümmern sich um die übrigen drei Tribünen und halten zwei Notfallteams aus Notarzt, Rettungsassistenten und Rettungssanitäter bereit. Außerdem bedienen sie den zentralen für Funk und die Telefone. Damit so eine Kooperation funktioniert, braucht es gegenseitigen Respekt. Und der ist hier absolut gegeben. „Wir wollen ja den Patienten helfen und uns nicht profilieren“, sagt Schlüter, „der Patient steht im bei uns allen Mittelpunkt.“ Die oberste Einsatzleitung obliegt dem DRK, den Abschnitt Nord machen die Johanniter eigenverantwortlich. „Da redet uns auch keiner rein“, erklärt Schlüter, „im  Gegenteil, das DRK ist sehr froh, dass sie uns haben, denn dann müssen sie den Abschnitt nicht selbst besetzen.“ Die Zusammenarbeit funktioniere sehr gut, auch weil man sich schon vielen Jahre kennt. „Die haben doch auch personelle Probleme und müssen Leute aus dem Umland holen“, schiebt Schlüter noch hinterher. Die JUH bezöge schon Helfer aus dem benachbarten Kreisverband Unna und Kreisverband Hagen und sogar vom weiter entfernten Regionalverband Niederrhein. Alle Organisationen hätten im Grunde dieselben Probleme, nämlich ehrenamtliche Helfer für die regelmäßigen Dienste zu finden. Ganz generell könne man sagen, dass die Zusammenarbeit mit allen Hilfsorganisationen vor Ort hervorragend klappe, gerade auf den unteren Ebenen. „Wenn mal Probleme auftauchen, dann doch eher auf der Führungsebenen“; meint Schlüter, „auf den unteren Ebenen klappt es meistens immer, man kennt sich eben schon lange.“ Für ihn ist ganz klar: „Egal woher jemand kommt, zu welcher Organisation er gehört, egal ob alt oder jung, alle machen das Gleiche und werden gleich behandelt!“ Oliver Numrich

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Portait: Strippenzieherin im Hintergrund

Ein schelmischer Journalist hat einmal gesagt, ein Pressesprecher das sei jemand, der laut gackert, wenn andere ein Ei legen. Carolin Mauz, 35, ist Pressesprecherin bei den Johannitern, genauer gesagt Bereichsleiterin Kommunikation im Landesverband Bayern. Aber da wo sie arbeitet werden keine Eier gelegt und infolgedessen gackert sie auch nicht. „Ich sehe mich hauptsächlich als Dienstleisterin für die Regional- und Kreisverbände in Bayern“, beschreibt sie ganz bescheiden ihre Aufgaben, „indem ich Ihnen Pressemitteilungen zuliefere, die die Verbände vor Ort an ihre Zeitungen weiterleiten.“ Sie ist viel unterwegs, um die Pressereferenten der Kreisverbände in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit zu beraten, sie gibt Werbemittel frei und vertritt Bayern in verschiedenen Arbeitsgruppen auf Bundesebene, etwa in den AGs Medien, Werbung/Marketing, Fundraising und Internet. Außerdem ist Carolin zuständig für den Kontakt zu allen landesweiten Medien, verschickt zum Beispiel Pressemitteilungen der Landesvorstände zu aktuellen Themen und kümmert sich um Aktionen wie den Weihnachtstrucker. Neulich rief das Nachrichtenmagazin Focus an und fragte, ob die bayerischen Johanniter nicht für Erste-Hilfe-Aufklärungsfilme zur Verfügung stehen könnten. Dann erkundigt sich Carolin bei den Verantwortlichen im Landesverband und sorgt im Hintergrund dafür, dass alles organisiert wird. Im Fall der 21 Minifilme, die auf der Webseite des Magazins gezeigt werden sollen, muss sie auch den Pressesprecher der Bundesgeschäftsstelle, Martin J. Wittschorek, und die Fachabteilung auf der Bundesebene, in diesem Fall Ralf Sick von der Johanniter-Akademie, einbinden, denn der Focus reicht über den bayerischen Tellerrand hinaus. „Natürlich bekommen wir auch gezielte Presseanfragen zu bestimmten Themen“, erzählt Carolin. Dann ruft etwa ein Redakteur von der Süddeutschen Zeitung bei ihr an und fragt, wie die Johanniter zum Ausbau der Kinderbetreuung stehen oder zum Situation von Pflegebedürftigen. Meist sind das aktuelle politische Fragen, häufig heikle oder zumindest nicht ganz leicht zu beantworten. Carolin darf dann nicht einfach ihre eigene Meinung äußern, sondern muss Rücksprache mit den Fachleuten ihrer eigenen Organisation und ihren Vorständen halten. „Unsere Experten haben die Fakten, aus denen formuliere ich einen Textvorschlag, stimme den mit allen Beteiligten ab und leite die Antwort dann an das Medium weiter.“ Es ist schon arg viel Arbeit, die eine Pressesprecherin für einen so großen und aktiven Verband zu leisten hat. Zu schaffen nur, wenn man wie Carolin gut mit Sprache umgehen kann, eine schnelle Auffassungsgabe hat und dazu ein gewisses diplomatisches Geschick. Außerdem schreibt die studierte Germanistin Reden, die andere dann halten oder vermittelt Johanniter, die dann im Radio oder im Fernsehen ein Interview geben. „Ich in der Meinung, dass der vor die Kamera sollte, der auch wirklich was zu sagen hat.“ Wenn es also um ein Statement zum Rettungsdienst geht, sollte nicht sie das Interview geben, sondern der Rettungsdienstler. Schließlich sei er kompetent und wirke auch viel authentischer. Zum Glück sind ihre Fachkollegen in Bayern nicht kamerascheu und so gab es bisher noch kein Problem, für jede Anfrage den richtigen Fachmann aus den eigenen Reihen zu besorgen, der Rede und Antwort steht. „Nicht dass das falsch ankommt, meine Kollegen sind nicht eitel, aber sie haben eine Meinung und die vertreten sie auch vor der Öffentlichkeit“, sagt Carolin und dabei ist kaum zu überhören, wie stark sie sich mit Ihrem Verband identifiziert. „Meine Arbeit macht mir irre viel Spaß! Besonders schön finde ich, dass ich mit vielen Menschen zu tun habe.“ Zudem sie es „wahnsinnig spannend“, die vielen Arbeitsbereiche der Johanniter kennen zu lernen, von der Jugend bis zu den sozialen Diensten. „Man riecht überall rein, holt sich überall Infos, man wird zu einem Profi in bestimmten Ausschnitten.“ Wer Öffentlichkeitsarbeit zu seinem Beruf machen möchte, dem rät Carolin unbedingt zu Studium und anschließender journalistischer Ausbildung, einem so genannten Volontariat. „Ohne Studium kommt man heute nicht mehr in so eine Position. Denn dabei lernt man die notwendigen Arbeitsweisen, vor allem das Recherchieren und Schreiben.“ Das Gackern muss man also wirklich nicht beherrschen. Oliver Numrich

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