„Igitt, eine Waffel mit Ziegenkäse!“, zischt die Fotografin, als Otto Pfeiffer, der Inhaber und Chefkoch des OKI, seine neuste Kreation vorstellt. Zum Glück haben unsere Testesser Lea, Florentina, Tony und Palm das nicht gehört. Sie sind unvoreingenommen und neugierig auf die hübschen Herzchenwaffeln mit den vielen bunten Belägen. Und siehe da: Es schmeckt! Ob das nur daran liegt, dass sie so lange auf das versprochene Essen warten mussten, weil zuvor in einer langwierigen Prozedur Fotos vor einem weißen Hintergrund gemacht werden mussten? Oder schmeckt es einfach gut und nur wir Erwachsenen, mit unseren vielen Ängsten und schlechten Erfahrungen haben etwas anders erwartet?
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Rettung zu Land und im Wasser: Johanniter-Schwimmgruppe
Die Kinder und Jugendlichen, die sich bei den Johannitern im thüringischen Altenburg treffen, lernen Erste Hilfe, machen Ausflüge und einmal die Woche gibt es sogar einen Tanzkurs. Aber als die neue Erzieherin Nicole Taubert vor anderthalb Jahren gefragt hat, was sie denn sonst noch gerne machen möchten, da hatten die meisten gleich eine Antwort parat: Rettungsschwimmen. Kein Problem für Nicole, die ist nämlich früher als Kind selbst gern geschwommen, „ich war eine richtige Wasserratte“, sagt sie von sich.
1000 Grammm Mensch: Frühchen Lisa kommt nach Hause
Zunächst verläuft die Schwangerschaft normal. Es sieht so aus, als bekämen Manuela und Oktay Dorsun endlich das Wunschkind, auf das sie schon so lange gewartet hatten. Doch dann treten Komplikationen auf: Der Muttermund öffnet sich, eine Infektion kommt dazu, dann die Frühgeburt im Dezmeber 2002 in der 26. Schwangerschaftswoche. Lisa wiegt knapp 1000 Gramm. Doch Lisa hat Chancen durchzukommen, sagen die Ärzte der Kinderklinik der Universität Mainz. Und die Eltern hoffen, dass sie recht haben. Vier Wochen nach der Geburt sieht es so aus, als habe Lisa es geschafft. Doch in jener Nacht verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch. In einer Not-OP wird festgestellt: Lisa leidet unter einer Dünndarmverschlingung. Infektionen, Löcher im Darm, wie sie bei Frühchen häufig sind, hätte man in den Griff bekommen, doch bei Lisa ist der Darm komplett verdreht, etliche Darmzellen sind wegen mangelnder Durchblutung schon abgestorben. Die Ärzte müssen fast alles entfernen, nur 20 Zentimeter Dünndarm und Teile vom Dickdarm sind übrig. Die Überlebenschance von Lisa liegt einen Monat nach ihrer Geburt bei unter fünf Prozent. Fünfeinhalb Monate lebt Lisa nun auf der Intensivstation, wird rund um die Uhr künstlich ernährt. Oktan Dorsun besucht sie jeden Tag vor und nach der Arbeit. Die Mutter ist jede Minute , in der sie nicht schläft, bei ihrem Kind. Beide leben praktisch auf der Station, bestellen Pizza zum Abendbrot, kennen alle Pfleger und Schwestern. „Die Klinik war unser zweites Wohnzimmer“, sagt Manuela Dorsun. „Jedes mal, wenn ein Arzt reinkam, haben wir gehofft, dass er uns sagt: ,Alles wird gut, jetzt ist sie übern Berg. Aber das konnten sie nicht sagen.“ Stattdessen haben sie beschlossen, nicht mehr über die Überlebenschancen ihres Kindes nachzudenken: „Kein Kind hat eine Überlebenschance von 100 Prozent. Andere Eltern denken auch nicht ständig darüber nach, was alles passieren könnte.“ Ein halbes Jahr nach der Geburt gibt es Hoffnung. Durch einen ausgeklügelten Ernährungsplans wurde Lisa aufgepäppelt und die Darmausgänge konnten zusammengelegt werden. Stationsarzt Dr. Krämer geht das Wagnis ein, die Kleine mit ihren Eltern nach Hause gehen zu lassen. Später gibt er zu, Lisa sei das jüngste, kleinste und leichteste Kind mit künstlicher Ernährung, das er je aus der Intensivstation entlassen habe. Der Arzt besorgt Perfusoren und vermittelt den Kontakt der Eltern zur Kinderkrankenpflege der Johanniter-Unfall-Hilfe in Mainz. Deren Zusage, die Pflege zu übernehmen, war Voraussetzung für die Entlassung. Die Eltern sind
überglücklich. Doch bevor es soweit ist, besucht Hildegard Mengel, Kinderkrankenschwester der Johanniter, einige Male die Familie Dorsun im Krankenhaus, trifft erste Absprachen: Welche Pflegemittel werden benötigt? Wie häufig müssen die Johanniter kommen? Hildegard Mengel übernimmt auch die Verhandlungen mit den Krankenkassen. „Die meisten Eltern lernen nach einer Weile, ihre Kinder selbst zu versorgen“, sagt sie, „aber neben der praktischen pflegerischen Hilfe brauchen sie drei Dinge von uns: eine Telefonnummer, Vertrauen und Verständnis für ihre Sorgen und Ängste.“ Die Eltern sind glücklich, das Leben mit ihrer Tochter von nun selbst gestalten zu können. „Bisher mussten wir uns dem Klinikalltag unterordnen, aber zu Hause wollten wir wieder selbst Herr des eigenen Lebens werden“, sagt Manuela Dorsun. „Zum Glück hat Schwester Hildegard nicht gleich das nächste Regiment geführt, sondern uns gefragt hat, wie sie uns helfen soll.“ Die Johanniter kommen in den ersten Monaten täglich zwei Mal, stöpseln abends die Ernährung an und nach zwölf Stunden am nächsten Morgen wieder ab. Normalerweise. Sobald aber eine Infektion auftritt, müssen sie die Dienstpläne umschreiben und drei mal täglich und zu anderen Zeiten kommen. Unmöglich für eine einzelne Kinderkrankenschwester ohne eine Organisation im Hintergrund. Besonders rechnet Manuela Dorsun den Johanniter-Schwestern an, dass diese den manchmal verzweifelten Eltern nicht nach dem Mund reden: „Sätze wie ‚Das wird schon wieder‘ haben sie nie gesagt. Das weiß auch kein Mensch. Hildegard hat mich manchmal einfach nur in den Arm genommen und nichts gesagt oder gefragt. Das auszuhalten ist nicht einfach.“ Jetzt kommen die Johanniter nur noch einmal die Woche, denn Lisa geht es gut. Niemand kann sagen, ob sie sechs Jahre alt wird – aber im Moment könnte sie auch 80 werden. Die Eltern haben aufgehört, jeden Tag die Wahrscheinlichkeit neu auszurechnen. „Denn wenn man das macht, versaut man sich auch noch die schönen Momente“, sagt Manuela Dorsun.
Lisa isst jetzt fünf Mahlzeiten am Tag, am liebsten Pommes frites, Tortellini und Leberwurst. Weil sie mit neun Kilo Gewicht immer noch weniger wiegt als die meisten ihrer Altersgenossen, fließen zusätzlich über eine Sonde rund um die Uhr Nährstoffe zum 20-cm-Hochleistungsdarm. Ab Januar will Manuela Dorsun wieder halbtags arbeiten gehen. Damit wieder Normalität in ihr Leben einzieht. Das ist ihr wichtig. Und auch das geht nur, weil sie weiß, dass die Johanniter bereit stehen, falls das Kindermädchen mal
überfordert ist. Die private Telefonnummer von Hildegard Mengel klebt weiterhin auf dem Telefon. Oliver Numrich
Berliner Mythen: Die Heimat der antiautoritär erzogenen Kinder
„Täglich reden wir vom antiautoritären Kampf, von der Notwendigkeit, diese Gesellschaft zu verändern“, heißt es im Aufruf des Aktionsrats zur Befreiung der Frau. Doch während im Frühjahr 1968 vor allem Männer auf Plenen und Demos mitmischen, bleiben viele Frauen wegen der Kinder zuhause. Studentinnen aus dem Umfeld des ultralinken SDS wollen deshalb „Möglichkeiten für eine antiautoritäre Erziehung der Kinder“ schaffen. In den nächsten Tagen und Wochen starten in Berlin sieben sozialistische Kindergartenprojekte. Es werden Deutschlands erste Kinderläden, benannt nach den Räumen, in denen sie zumeist unterkommen: leer stehenden Ladengeschäften. „Erziehung zu Kampf, Konflikt und sozialistischer Lebensperspektive“ lautet die pädagogische Marschroute. In Wilmersdorf, in der Babelsberger Straße 11, wird eine ehemalige Bäckerei samt Verkaufsraum angemietet, nur vier Häuser weiter steht die „Babelsburg“, soziologisches Institut der FU und zugleich Zentrale studentischen Aufbegehrens. Bettina und ihre Zwillingsschwester Regina sind gerade sechs Jahre alt, als ihre Mutter sie hier zum ersten Mal absetzt. Sie ist keine Unbekannte im Kinderladen: Ulrike Maria Meinhof hatte als Mitglied des Frauen-Aktionsrats indirekten Anteil an der Gründung. Auch ideologisch kämpft sie an der gleichen Front, schreibt in der Zeitschrift „konkret“, die von Papa Röhl herausgegeben wird, gegen einen autoritären, imperialistischen Kapitalismus an. „Die Stimmung im Laden war bombig“, erzählt Bettina Röhl (Foto), „in der alten Backstube hingen Autoreifen von der Decke, mit denen konnte man sich wie beim Autoscooter gegenseitig rammen.“ Eine Ermahnung beim Toben müssen die Ladenkinder nicht fürchten, sollen sie sich doch ganz und gar frei fühlen. Erzieher Fehlanzeige – die engagierten Eltern wechseln sich beim Kinderhüten ab. „Meine Mutter fand das Prinzip gut“, erinnert sich Bettina Röhl, „sie selber hatte allerdings nie Zeit und schickte an ihren Tagen immer jemand anderen vorbei.“ Alles ist erlaubt, was im „normalen“ Kindergarten streng verboten ist: Wände bemalen, durchs Fenster steigen, kommen und gehen wann man Lust hat. Doch während die Kinder in anderen revolutionären Horten nackt herumlaufen, bleibt es in der Babelsberger 11 züchtig. „Damit hatten wir Gott sei Dank nichts zu tun“, sagt Bettina Röhl, „die Eltern bei uns waren meist junge Akademiker, die sich selber noch nicht allzu sehr entbürgerlicht hatten.“ An Samstagen dient der Laden als Treffpunkt für Demonstrationen, die gemeinsame Ausflüge ersetzen müssen. Zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr besucht Bettina über 50 Demos, deren Themen sich gleichen: Es geht um Vietnam und Springer, Kuba und Ho Tschi Minh. „Alle Nase lang gab es Straßentheater mit ein bisschen Weltrevolution am Kuhdamm“, sagt Röhl, die heute als Journalistin für „Die Zeit“, Cicero und „taz“ arbeitet und mit ihren Enthüllungen über Alt-68er grüne Gurus wie Joseph Fischer und Daniel Cohn-Bendit zur Verzweiflung treibt. In der Babelsberger Straße 11 befindet sich heute ein Immobilienbüro. Oliver Numrich









