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Berühmte Nachbarn: In der Zossener Straße war Christopher Isherwood zu Gast

Unweit meiner Wohnung, in der Zossener Straße 7, steht ein graues, verfallenes Gebäude, in dem Christopher Isherwood – der Autor von „Good-bye, Berlin“ (das später unter dem Titel „Cabaret“ mit Liza Minelli in der Hauptrolle verfilmt wurde) – einige Male Gast war. Hier befand sich in den 1920er Jahren eine schwule Absteige mit dem Namen „Cosy Corner“. Der Journalist Axel Schock schreibt am 10. Februar 2005 in der Berliner Zeitung: „Seine Stammkneipe wird das „Cosy Corner“ in der Zossener Straße 7. Ein kleiner Laden, Hochparterre, alles andere als elegant. Hier braucht man keinen Smoking und auch keine gut gefüllte Geldbörse, um Einlass zu bekommen und Spaß zu haben. Und zudem trifft sich hier, was Isherwood wesentlich erotischer fand: bodenständige Arbeiterjungs. Wo man sich seinerzeit klassenübergreifend beim Bier näher kam, ist heute eine Zahnarztpraxis untergebracht.“ Der ganze Artikel findet sich hier. Isherwood selbst beschreibt den Laden in seiner Autobiografie „Christopher und die Seinen“ so:  „Der einzige Wandschmuck bestand aus ein paar Boxer- und Radrennfahrerfotos über der Bar, und geheizt wurde mit einem altmodischen alten Ofen. Teils wegen der Hitze, teils weil sie wussten, dass es ihre Kundschaft erregte, zogen die Jungs ihre Pullover oder Lederjacken aus und saßen aufgeknöpft bis zum Bauchnabel und mit bis zu den Schultern hochgekrempelten Ärmeln herum. (…) Ihre Grundhaltung bestand in einem fast gleichgültigen ‚Nimm mich oder verschwinde‘, und obwohl sie hauptsächlich wegen des Geldes in die Bar kamen, konnten sie in diesem Lokal doch auch andere Jungen treffen, plaudern und Karten spielen.“

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Albanische Spätzle und Couscous Hawai: Clash of Cultures in der Küche

Experimentierfreudige Köche sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es immer mehr Restaurants gibt, die auf unkonventionelle Art Kochstile und Küchenrichtungen kombinieren. Die andere Voraussetzung sind Gäste, die auch bereit sind, etwas Neues auszuprobieren. Zum Glück hält die Berliner Gastronomie viele waghalsige Überraschungen für Geschmacks-Abenteurer bereit. So bereichert seit neustem ein Trend zum Vermischen von deutscher Regionalküche mit ausländischen Kochrichtungen die Berliner Teller – von virtuos bis wirr ist alles dabei.

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Neue deutsche Küche: Wo isst man deutsch in Berlin?

Angesichts des schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers zur WM stellt sich den hiesigen Feinschmeckern die Frage: Ist die deutsche Nationalküche gut aufgestellt? Müssen sich die Deutschen ihrer kulinarischen Identität schämen oder ist sanfter Koch-Patriotismus erlaubt? Oliver Numrich hat drei Experten gefragt, wie sie es mit der deutschen Küche halten. Deutsch, so die einhellige Antwort, schmeckt frisch und grade.

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Teilchenbeschleuniger: Pünktlich zur Gemütlichkeit

Was für die Engländer der 5-o’clock-Tea ist, das ist für die Deutschen die Kaffeetafel. In Berlin wird sie an jedem Wochenende pünktlich um drei Uhr nachmittags eingeläutet. Aber nicht nur in Steglitz und Wilmersdorf – gerade das junge Szenevolk von Kreuz- und Prenzlauer Berg hat den Kaffeeklatsch wiederentdeckt. Statt am heimischen Wohnzimmertisch Tanten und Nichten mit Bienenstich und Jacobs Krönung abzufüllen, trifft man Freunde in Coffelounges und nascht Lifestyle-Tartes an Tchai-Latte.

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Kaufhaus Kreuzberg: Autonomes Shoppen

Eigentlich sollte es längst Touristenscharen anlocken, doch das Kaufhaus Kreuzberg am Kottbusser Tor hat noch immer nicht geöffnet, die Verhandlungen mit dem Vermieter stocken. Für 51 Existenzgründer, die im Szene-Kaufhaus Stände betreiben wollen, bedeutet das: Ungewissheit. Nadja Brähler, 33, hat ihren Job als Diplom-Designerin aufgegeben. Sechs Jahre in der Werbebranche waren ihr genug. Zu unkommunikativ, fremdbestimmt: „Du sitzt die ganze Zeit alleine vorm Mac und verstummst.“ Im Februar las sie in der Zeitung vom Kaufhaus Kreuzberg und ging zu einem Infoabend. Erster Eindruck: „Coole Leute, echte Kreuzberger, viele Schwule, mein Kiez.“ Sie entschied sich dafür, einen Stand für Lack- und Latexmode zu eröffnen. Das schafft man nicht nebenbei. Und weil es schon im Sommer 2003 losgehen sollte, kündigte sie und begann mit den Vorbereitungen: Sie schrieb einen Businessplan mit Zielgruppenanalyse, Rentabilitätsvorschau und Umsatzerwartung, machte ein Praktikum bei einer Latexschneiderei, verhandelte mit Zulieferern und beantragte einen Kredit für die Erstausstattung. Außerdem entwarf sie die Ladeneinrichtung und die erste eigene Kollektion: autonome Clubwear im Matrix-Look, Korsagen, Nietenbänder, punkig, eigenwillig. Doch das Kaufhaus kam nicht. Der Vermieter, die Zentrum Kreuzberg / Kreuzberg Merkezi, überraschte mit immer neuen Forderungen. Seit der ersten Absichtserklärung im Oktober 2002 lag im Mai 2003 schon der dritte Mietvertrag vor. Mit jeder Version stieg Miete und kamen neue Forderungen hinzu. Vor allem eine Klausel, die es dem Vermieter erlaubt, direkt auf das Mieterkonto zuzugreifen, verhinderte eine Unterzeichnung. Auch andere Gewerbemieter im Zentrum Kreuzberg stöhnen unter extrem hohen Mieten und Vermieter-Willkür. Viele Läden in dem tristen Betonpalast stehen leer. Am 5. Juli, als eigentlich feierlich eröffnet werden sollte, gab es stattdessen ein Straßenfest „nur einen Steinwurf“ vom zukünftigen Kaufhaus entfernt. Für Nadja und die anderen 50 verhinderten Existenzgründer wird es mit jedem Tag enger: Nicht nur, dass sie den Sommer und die Touristen verpasst haben. Auch Zusagen von Lieferanten und Geldgebern stehen auf dem Spiel. Die Warterei zehrt an Nerven und Privatvermögen. Doch für Nadja kommt Selbständigmachen nur im Kaufhaus in Frage. Ein eigener Laden wäre zu teurer, das Risiko zu hoch. Außerdem hilft die Kaufhausgemeinschaft bei Buchhaltung, Marketing und Werbung. Konkurrenz im eigenen Haus fürchtet sie nicht, im Gegenteil: „Wir haben die gleichen Ziele, ziehen gemeinsam mehr Publikum. Außerdem finden wir alle die Sachen der andern geil – wir werden selbst unsere besten Kunden.“ Wegen der Probleme mit dem Mietvertrag ist die Stimmung unter den „Ständen“ nicht mehr so euphorisch wie am Anfang. „Aber wir Kreuzberger sind zähe Kämpfer“, sagt Nadja, „das Kaufhaus Kreuzberg kommt.“ Oliver Numrich

[Nachtrag vom Autor: Es kam nie - der Vermieter hat es verhindert. ]

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Portrait: Mode mit Muckies

Egal ob die Sonne scheint oder es schneit – Jeff Ewuzi steht vor seinem Geschäft in der Zossener Straße, einen Kaffeebecher locker in der Rechten und quatscht angeregt mit Nachbarn, Kumpels oder Kunden. Meist trägt er enge kurzärmeliges Hemden oder T-Shirts, die seinen muskelbepackten Oberkörper voll zur Geltung bringen. Jeden, der aus der Tür des Wohnhauses tritt, begrüßt er mit einem freundlichen Blick, viele mit einem Handschlag. „Der Stefan“, erzählt er von dem Juristen im ersten Stock, „hatte einem Herzinfarkt und Johanna aus dem Zweiten hat sich von ihrem Freund getrennt.“ Jeff kennt sie alle und alle ihn wie auch die meisten Inhaber der kleinen, schicken Läden und Cafés nördlich der Bergmannstraße. Oft zuckt seine Hand in die Brusttasche zum brummenden Mobiltelefon: Vertreter wollen eine Kollektion vorstellen, die neue Filiale in Friedrichshain muss eingerichtet werden und seine Mutter kündigt an, demnächst zum Blitzbesuch aus Texas vorbei zu kommen. Jeff ist ein Energiebündel, ein Powermensch, der morgens um fünf durch den Grunewald joggt, dann Klamotten im Nike-Showroom ordert und anschließend den ganzen Tag mit geduldiger Freundlichkeit und sicherem Geschmack seine Kundinnen und Kunden berät. „Not only shoes“ heißt das Geschäft, das der 33-jährige Hobbyboxer seit dem Frühjahr betreibt und in dem er den anspruchsvoll gewordenen Kreuzbergern ausgewählte Textilien, Accecoires und eben Schuhe anbietet. Das Besondere: Neben bekannten Marken wie Boss, Adidas, Fly oder Gola finden sich auch viele Produkte, die Ressourcen schonend hergestellt oder fair gehandelt sind. So führt Jeff die ersten organischen Jeans an, die das niederländische Label Kuyichi schneidert, unter fairen Arbeitsbedingungen produzierte Textilien von LOHA und Turnschuhe von Veja, die ohne Gummisohlen auskommen. Die veganen Taschen vom kanadischen Matt & Nat aus synthetischem Leder entsprechen seiner eigenen Lebenseinstellung, wonach jeder sich für etwas Gutes entscheiden kann, ohne an Stil oder Lebensqualität einzubüßen. „Ich denke, die Kreuzberger haben eine besondere Affinität für meine Produkte. Wer die Geschichte des Bezirks kennt weiß, dass die immer ihren eigenen Weg gegangen sind“, sagt Jeff, der seinerseits auch einen eigenwilligen Lebensweg vorweisen kann. Ewuzie ist Jeffs Familienname und der kommt aus dem westafrikanischen, doch geboren und aufgewachsen ist Jeff in Houston, Texas. Seine Eltern sind geprägt von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. Weil die Kinder die bestmögliche Bildung erhalten sollten, wird Sohn Jeff schon mit zwölf Jahren nach London in ein von strengen katholischen Nonnen geführtes Internat geschickt. Mit 20 kommt er von dort zurück nach Houston, um Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Osteuropa zu studieren. 1998 bereist er sein Studiengebiet und verliebt sich in Deutschland. In das Land und in einen einzelnen Menschen. „Berlin war für mich immer ein Begriff“, sagt Jeff, „schon allein aufgrund der politischen Aktivitäten, von denen ich viel gelesen habe.“ Man kommt an der Stadt eben nicht vorbei, wenn man Politik studiert. Sein erster Eindruck entsprach den Vorstellungen: „Berlin war nicht einfach nur ein Teil Deutschlands, sondern was besonderes, weil die Menschen hier immer anders waren.“ Die Deutschen nimmt Jeff als verschlossen wahr, zumindest weniger offen als sich selbst. Das sei schon was typisch amerikanisches, das Unbekümmerte, das Sorglose. „Die Deutschen überlegen alles sehr gründlich, bevor sie den ersten Schritt machen“, sagt er, „diese deutsche Gründlichkeit ist eine Sache, die wir Amerikaner nicht mitbringen. Wir sind auch fleißig, aber die Deutschen sind eben gründlich.“ Probleme wegen seiner dunklen Hautfarbe hatte er noch nicht, die Frage ärgert ihn sogar. Nein, er habe sich weder in Grunewald, wo er wohnt, noch in Kreuzberg mit Rassismus auseinander setzen müssen. Und das Phänomen gäbe es schließlich genau so in Frankreich, England oder Amerika. „Ich bin da nicht so unberuhigt. In meinem Alltag sehe ich das auch ganz und gar nicht, nicht als Geschäftsmann, nicht als Sportler, nicht als Freund.“ Doch auf Nachfrage gibt er zu, dass es bestimmte Regeln gibt, an die er sich selbstverständlich hält. Eine davon gilt für Geschäftsreisen durch Ostdeutschland. „Wenn ich in den Osten fahre, dann nur mit Navigationsgerät, der Tank muss voll sein, die Fenster zu und die Musik laut.“ Oliver Numrich

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Pleiten, Pech und Pannen: Stadtführung für kritische Flaneure

Zählt mal die Kosten für Fehlplanungen, Invest-Ruinen und Steuergeschenke zusammen, denen man bei der Stadtführung von Arno Paulus begegnet, kommt man leicht auf einen zehnstelligen Eurobetrag. Die Führung trägt den Titel „Pleiten, Pech und Pannen im neuen Berlin“ und leider handelt es sich nicht um die „Lügentour“ und auch Max Schautzer hat nichts damit zu tun. Es geht nicht um Schadenfreude, um kleine Missgeschicke, sondern um die großen – den alltäglichen Verschwendungswahnsinn im bankrotten, korrupten Berlin. Stadtführer Paulus weiß, wovon er den Teilnehmern erzählt: Er hat Architektur und Stadtplanung an der UdK studiert, und beriet Murxpolitiker Peter Strieder in Solar-Fragen, als jener noch Bezirksbürgermeister in Kreuzberg war. Er bietet zwei Pleiten-Führungen durch Kreuzberg-Friedrichshain oder Mitte und eine Solarenergie-Tour an. Jede dauert um die zwei Stunden und kostet 4,- Euro. Sie starten täglich um 11:00 Uhr oder nach Vereinbarung, wenn sich mindestens zwei nervenstarke Teilnehmer finden. Ausgangspunkt der „Tour tristesse“ in Kreuzberg-Friedrichshain ist die Admiralbrücke über dem Landwehrkanal, Nähe Kottbusser Tor. Sie beginnt geschichtlich: „Wussten Sie, dass in dem Haus mit dem angesagten Italiener früher die SA ihr Stammlokal hatte?“, fragt Paulus in die Runde. Heute gehöre es dem rechtsradialen Verleger Gerhard Frey, womit ein Krumen jeder Pizza die neue „Deutsche National-Zeitung“ quersubventioniere. Weiter geht es entlang dem Paul-Lincke-Ufer, wo Ossi Wiener – Vater von Promi-Mamsel Sarah – ins „Exil“ lud. Von hier schwabbte die neue deutsche Welle über die BRD, voran die „Lokomotive Kreuzberg“, dem Vorgänger der Nina-Hagen-Band. Paulus war damals ihr Busfahrer. Und dann kommen die schwer verdaulichen Brocken: Das Kottbusser Tor. Beim Bau des „Neuen Kreuzberger Zentrum“, dem Wohnklotz, der die Adalbertstraße abriegelt, gründete sich die erste Bürgerinitiative Westberlins. Später ging aus ihr mit Werner Orlowski der erste grüne Stadtrat an den Start. Heute ist der in Beton gegossene Albtraum behutsamer Stadterneuerung marode und steckt trotz Millionen Euro teurer Geldspritzen aus dem Landeshaushalt tief in den roten Zahlen. Nur eins von vielen Beispielen auf dieser Route für die unheilvolle Mischpoke aus prahlerischen Politikern und skrupellosen Investoren im alten wie im neuen Berlin. „Sie sollten nicht in Beton investieren, sondern in Menschen“ fordert Paulus. Denn Berlin lebe von den vielen verrückten Ideen kreativer Köpfe, die sich gegen alle Widerstände durchsetzen. Nächstes gescheitertes Mega-Projekt der kritischen Flaneure: Das Internationale Solarcenter am Stralauer Platz. Mit 40 Mio. Mark vom CDU-SPD-Senat als Vorzeige-Niedrigenergiehaus gefördert und dann vergessen. Heute sei es das „Energieforum“, gehöre der R&V-Versicherung und müsse mit zusätzlicher Fernwärme geheizt werden. Das riesige, verglaste Atrium könne für Veranstaltungen nicht genutzt werden, weil an der Sprinkleranlage gespart wurde, erzählt Paulus. Die Berliner Feuervorschriften seien anfangs auch für die Anschütz-Gruppe hinderlich gewesen, sagt Paulus. Der Investor will gleich um die Ecke die Kopie einer in Los Angeles errichteten Veranstaltungshalle für 12.000 Menschen hochziehen. Nach einer Stippvisite in Kalifornien änderten die zuständigen Beamten ihre Meinung, so Paulus, und die Brandschutzverordnung gleich mit. Der Senat übernimmt schon mal die Bauvorbereitungen auf dem Areal, doch leider verschiebt der Investor seine Baupläne seit dem Jahr 2000 ein ums andere Mal, weil noch immer ein potenter Namenspatron fehlt, der einen Gutteil der 150 Millionen Euro für eine zehnjährige Taufe der Halle zahlt. Weitere Stationen sind der neue 70 Mio. Euro teure ver.di-Büroneubau, Media Spree mit Anschütz-Halle, Plänterwald, Cuvry-Areal und Görlitzer Park. „Viele haben hinterher eine geballte Faust in der Tasche“, meint Skandal-Führer Paulus, „angesichts von so viel Misswirtschaft.“ An der Oberbaumbrücke erzählt Paulus gerne von einem Gespräch mit Stararchitekt Sir Norman Foster. Der sei nämlich anfangs absolut gegen die Kuppel auf dem Reichstag gewesen und habe sie nur auf Druck des Bundestagsbauausschusses aus dem Entwurf des Kollegen Santiago Calatrava übernommen. Weil dieser danach besänftigt werden musste, durfte er eine Brücke im Regierungsviertel und das Mittelstück der Oberbaumbrücke designen. Oliver Numrich

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Eine Straße kämpft für ihr Denkmal

Das Leben in der Fichtestraße ist beschaulich: beruhigter Verkehr, spielende Kinder, kleine Gärtchen vor den Altbauten, in denen es grünt und sprießt. Mancher der in die Jahre und zur Ruhe gekommenen Kreuzberger hat hier ein Refugium gefunden und es sich gemütlich gemacht. Walter Momper ist einer von ihnen und wohl auch der bekannteste. Ziemlich auf der Hälfte der Straße, zwischen Hasenheide und Urbanstraße, steht hinter einem geneigten Mäuerchen und von Bäumen verschattet, ein rundes Turmgebäude. Errichtet wurde es 1876 als Gaslager, dann im zweiten Weltkrieg umfunktioniert zum Bunker. Danach war es Auffanglager für Flüchtlinge und schließlich Lagerstätte für Lebensmittelreserven des Senats. Jetzt wurde das historische Kleinod mitsamt Wirtschaftsgebäude und Grundstück an einen Zusammenschluss von Architekten, die Speicher WERK Wohnbau GmbH, verkauft. Sie will Maisonettewohnungen einbauen und auf dem mehrere Tausend Quadratmeter großen Grundstück weitere Häuser errichten. Der Verkauf des Denkmals und wie er erfolgt ist, hat bei den Anwohnern den lange verschütteten Kampfgeist geweckt. Keine Bezirksverordnetenversammlung lassen sie mehr aus, ohne die Vertreter der „etablierten Parteien“ – Grünen und PDS – scharf anzugreifen. An vielen Balkonen hängen Transparente, auf denen „Keine Verdichte in der Fichte“ oder „Keene Klunker uffm Bunker“ steht. Einmal die Woche organisieren die Umbaugegner fantasievolle Anti-Aktionen von Straßentheater bis Protest-Jogging und nachts strahlen sie ihre Parolen mit einem Diaprojektor auf die Wände des Gasometers. Vordergründig geht es um Denkmalschutz, die Rohdung von 19 Obstbäumen und um die Betriebserlaubnis eines angrenzenden Sportplatzes. Doch in vielem, was die Bürgerinitiative gegen den Luxusausbau vorbringt, schwingt auch die Angst vor Mietsteigerungen mit und die Sorge, aus dem angestammten Kiez verdrängt zu werden. „Ich bin froh, wenn die Leute sich mal bewegen“, sagt Paul Ingenbleek, einer der beteiligten Investoren, das sei sonst eher selten. Die Kritik, er verfälsche und zerstöre ein historisches Baudenkmal, versteht er nicht. „Alle Pläne sind mit den obersten Denkmalschützern abgestimmt“, versichert der engagierte Architekt. Außerdem beabsichtigt seine Gesellschaft, einen Teil des Bunkers mitsamt Waschanlage, Heizung und Notstromanlage zu rekonstruieren. „Jeder, der da drin war, spürt die Geschichte und man kriegt Lust, das erfahrbar zu machen.“ Mit dem Verein Berliner Unterwelten sei man deshalb schon im Gespräch über eine spätere Museumsnutzung. Immerhin schütze er das Gebäude durch die Sanierung vor dem endgültigen Verfall. „Es gibt viel zu wenig Denkmalschutzauflagen“, hält Martin Hoffmann von der Bürgerinitiative Fichtebunker dagegen. Statt strenger Auflagen stünden nur Absichtserklärungen im Kaufvertrag, von denen am Ende vielleicht nichts realisiert würde. „Den Politikern ist der Kopf vernebelt von Wirtschaftlichkeitsüberlegungen“, meint er, „und weil sie selbst keine Ideen zur Nutzung oder Sanierung haben , verscherbeln sie das Denkmal lieber an Investoren.“ Oliver Numrich

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Weihnachten zum Kiez-Bingo: Unter Omis, Türken und Transen

Wenn Spekulatius und Glühwein den Magen wärmen, erinnern sich die Berliner daran, dass sie neben der Schnauze auch ein Herz haben. Spendensammler feiern zu Weihnachten ihre größten Erfolge. Helfer, die Suppe an Unterschichten verteilen oder Obdachlose mit Bibelzitaten nerven, können sich vor Freiwilligen kaum retten. Ist das Nächstenliebe oder arbeiten da Gutmenschen an ihrem Karma? Beim Kiezbingo im SO36 wird nicht nur zu Weihnachten, sondern ganzjährig Gutes getan – ohne viel Aufhebens. Denn sämtliche Erlöse der trashigen Glücksspiel-Persiflage gehen an bedürftige Projekte, vom Kinderbauernhof bis zur Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. „Das ist eine schöne Sache. Ich darf das sagen, weil ich nichts davon habe“, sagt Moderatorin Gisela Sommer. Sicher? „Okay, wir kriegen einen BVG-Fahrschein, damit wir hinterher nach Hause kommen“. Und nach einer kurzen Pause: „Außerdem können wir umsonst trinken.“ Abwechselnd mit Kollegin Inge Borg verkündet sie die Glückszahlen, die das Publikum – ein bunter Querschnitt der Bewohner der Oranienstraße, von der Oma bis zum Jungtürken – mit jenen auf den Bingo-Scheinen vergleicht. Die Scheine werden gegen Spende von den Mitarbeitern der Projekte ausgegeben.
Natürlich verläuft Kiezbingo in einem Punkschuppen wie dem SO 36 anders als in der Kirchengemeinde. Wenn ein Teilnehmer eine Zahlenreihe vervollständigen konnte, blinken die Bingo-Lettern auf der
Bühne. Alles wie gehabt. Dann aber puscheln die Geriatrischen CheerleaderInnen mit ihrem Weihnachtsoutfit – so gut sie können, schließlich sind alle über 30. Und die Waldflamingo-Bingo-Band quittiert das mit einem Tusch. Seit sechs Jahren ist es der gleiche nervtötende Jingle, aber mehr können sie nicht. „Wir machen hier Travestie-Imitation“, sagt Moderatorin Sommer, „die Leute gruseln sich, wenn sie nach vorne kommen müssen, um den Gewinn abzuholen.“ Die Gewinne werden von den benachbarten Geschäften und Lokalen gestiftet. Eine Woche vor Veranstaltung klappern Vertreter des Projekts, dem die Einnahmen zukommen, die Läden ab, stellen ihre Initiative vor und bitten um eine Gabe. Dabei geben fast alle irgendetwas – von einem Gutschein über eine „Pizza, aber nicht Nr. 57 und 58″ bis zu einem Freiflug nach Kuba. Pro Spieleabend kommen mit Eintrittsgeldern (3 Euro pro Person inklusive Garderobe) und dem Verkauf der Bingo-Zettel mindestens 1000 Euro für das jeweilige Spendenprojekt zusammen. Oft auch mehr, wenn Betriebe ihre Weihnachtsfeier ins SO36 verlegen. „Die Leute denken nicht ,Ich sitze hier und tue was Gutes, indem ich Zahlen auf nem bunten Zettel abdecke“, sagt Sommer, „sondern die haben einfach Spaß.“ Ist Glücksspiel unmoralisch? Falls es so was wie den guten Geist der Weihnacht gibt, er würde hier mitzocken.

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