„Alles Leben besteht aus Zellen, meine Herren“, beginnt Prosektor Virchow pünktlich um 8 Uhr c.t. seine Vorlesung und schaut prüfend in die Runde, „Zellen sind die vitalen Elemente, aus denen sich die Gewebe, die Organe, das ganze Individuum zusammensetzen.“ Kerzengrade sitzen die Studenten in den steilen Rängen des Hörsaals. Sie sind jung, 18, 19 Jahre alt, und ausschließlich männlich. Frauen dürfen nicht einmal Abitur machen, geschweige denn Medizin studieren, als Rudolf Virchow 1850 seine bahnbrechende Theorie von der Zellularpathologie vorstellt und damit die mittelalterliche Viersaftlehre von Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle überwindet. Jahrhunderte lang sorgte sie dafür, dass Menschen bei jeder Erkrankung zur Ader gelassen wurden. Nicht nur in der Medizin war Virchow fortschrittlich, auch als Politiker. So förderte der Gegner Bismarcks in Berlin den Bau der Kanalisation, von Krankenhäusern und Spielplätzen und kämpfte für kommunale Selbstverwaltung und die Rechte von Minderheiten. „Er war ein linker, ein Reformer, der bei der Märzrevolution mitgemacht hat“, sagt Kristina Schubert (Foto). Schubert trägt einen hellblauen Rolli mit schwarzer Steppweste darüber. Sie ist eigentlich Biologin mit Doktor und hat bis 1991 an der Charité Ausstriche auf Krebszellen untersucht. Dann hieß es: „Schuberten kümmern sie sich mal um das Museum.“ Seitdem betreut die 1,49m kleine Wissenschaftlerin Virchows Erbe in Deutschlands größtem Klinikbetrieb. Dazu gehört nicht nur die 10.000 Präparate umfassende Sammlung, sondern auch der Hörsaal, der ihm zu Ehren vom preußischen Staat 1899 errichtet wurde. Der Saal, der 200 Zuhörer fasst, und in dem Virchow bis zu seinem Lebensende viele Male doziert, wird 1945 von Fliegerbomben zerstört: Das Dach wird weggefegt, alle Fenster von der Wucht zerrissen, das Holzmobiliar verbrennt. Anfang der 1950er Jahre wird eine Betondecke eingezogen und darauf ein neues Dach gesetzt, damit wenigstens der übrige Teil des Gebäudes wieder genutzt werden kann. Im Hörsaal pustet noch 20 Jahre der Wind durch die kaputten Fensterrahmen. Anfang der 70er werden einige neu verglast, der Rest zugemauert, der Saal wird nun zur Abstellkammer für in Kunstharz gegossenes Gewebe aus Routineuntersuchungen. Es dauert weitere 20 Jahre, bis 1993 die Ruine wiederentdeckt wird. Ein neuer Institutsdirektor will sich mit einem Hörsaal verewigen. „Da kamen Architekten und meinten: Räumen sie das mal aus und machen sie sauber“, erzählt Schubert leicht angesäuert. Doch die Charité-Leitung lehnt ab: zu teuer, kein Bedarf. „Auf einmal war der Raum leer und wir haben gesehen, wie wunderschön er ist.“ Kurze Zeit später tauchen Christo und Jean-Claude auf, die einen Tipp bekommen haben, und wollen in der Hörsaalruine eine Pressekonferenz zur Verhüllung des nahe gelegenen Reichstags machen. Die Ruine wird zur angesagten Location, um die sich alle reißen: Die Klinikdirektoren begrüßen hier ihre Gäste, Ärztekongresse und Pharmaunternehmen feiern VIP-Partys. Und Dr. Kristina Schubert koordiniert Veranstaltungen statt wieder Abstriche zu untersuchen. Oliver Numrich
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Berliner Mythen: Die Heimat des Architektenpärchens
Die Westberliner Equipe ist vollständig angetreten, Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker und Bundespräsident Walter Scheel macht eine Prophezeiung: „Dieses Kongreßzentrum hat Chancen, hier noch zu stehen, wenn die Cheops-Pyramide schon längst verwittert ist“. Es ist der 2. April 1979, die Eröffnung des Internationalen Congress Centrums Berlin. Das ICC, das sind 800.000 Kubikmeter umbauter Raum, davon 80 Säle mit 5 bis 5.000 Plätzen, Rolltreppen, versenkbare Tribünen, Konzertakustik und eine Schallschutzhaut aus Aluminium – noch nie zuvor wurde ein Haus dieser Dimension für Konferenzen gebaut. Das Architektenpaar Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler kleckert nicht. Zwischen Autobahn und Messehallen entsteht in vier Jahren Bauzeit nicht nur das größte und modernste, sondern auch das teuerste Gebäude Deutschlands. Das „Raumschiff“ kostet die Berliner rund eine Milliarde Mark, für die Betriebskosten werden jährlich 22,6 Mio. Mark veranschlagt. „Die futuristische Form entspricht den hohen Anforderungen“, sagt Ralf Schüler, heute 75, stolz wie ein junger Vater „Ich habe beim Zeichnen jedes Detail gefragt: >Wie willst du werden, wenn Du das tun musst?<“ 70 Großveranstaltungen und 500 nationale und internationale Kongresse finden seitdem jedes Jahr im ICC statt, darunter Mega-Tagungen mit bis zu 22.000 Teilnehmern wie die Welt-Aids-Konferenz oder die Weltklimakonferenz. 250.000 Menschen hasten Jahr für Jahr durch die Foyers und Treppenhäuser des ICC und lassen dabei durchschnittlich 50 Millionen Euro in der Stadt. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Eröffnung – das ICC wurde gerade von 230.000 Tourismusexperten zum „World’s leading Conference & Convention Centre 2004“ gewählt – denkt ein mittelloser Senat am anderen Ende der Stadt auffällig laut über einen Abriss nach. Hintergrund: Der Unterhalt des ICC sei zu teuer und nur 10% der Fläche des ICC vermietbar. „Das ist völlig aus der Luft gegriffen“, sagt Architektin Schüler-Witte, „allein die Säle machen weit mehr als 10% aus“ bis sie von Ihrem Mann übertönt wird: „Das sind doch polemisch formulierte Zahlen, um den Boden für den Abriss zu bereiten.“ In Ihrem kleinen Büro in Kudamm-Nähe organisieren sie den Widerstand gegen den „ICC-Skandal“. Neues Ungemach bereitet ein bisher nur in Auszügen veröffentlichtes Gutachten des Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp). Dessen kurioses Ergebnis: Der Abriss des teuersten Gebäudes Berlins und ein Neubau seien deutlich billiger als der Weiterbetrieb des ICC. Gmp hat auch gleich einen Entwurf für die neue Halle mitgeliefert. „Das ist Hannover. Bestenfalls…“, spotten die Architekten über die Multifunktionshalle, die sich nach ihrer Meinung nicht mal ICC nennen dürfte, weil es den Anforderungen an ein internationales Kongresszentrum nicht genüge. Berlin ohne sein Raumschiff an der A100? Das wäre wie Paris ohne Centre Pompidou oder Ägypten ohne die Cheops-Pyramide. Oliver Numrich










