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Volksbegehren? Kirchen kämpfen für Mitgliedergewinnung an Schulen

Seit ich in Berlin in der evangelischen Kirche bin, habe ich niemals irgendetwas von ihr gehört und auch nichts von ihr gewollt. Ich weiß nur, dass meine Heiligkreuz-Gemeinde sich um Obdachlose kümmert und das finde ich gut. Heute erhielt ich wegen des grässlichen und falschen Kampfes um die religiöse Beeinflussung von Schulkindern von Bischof Wolfgang „Homestory“ Huber, ein Schreiben, in dem er um Unterstützung für das Volksbegehren „Pro Reli“ bittet. Huber stichelt immer wieder gegen meine Lebensweise als Homosexueller und unterstützt Menschen wie den ultrakonservativen Kirchenmann Ulrich Parzany und missionierende evangelikale Splittergruppen, die Homosexuelle „heilen“ wollen (taz-Artikel dazu). Warum muss der Chef der evangelischen Kirche in Deutschland, in deren Reihen so viele engagierte, kluge Pastorinnen und Pastoren und Mitarbeitende tätig sind, Speerspitze der Reaktion sein? Warum habe ich von „meiner“ Kirche noch nie einen Gemeindebrief oder Post für eine Kampagne gegen Armut oder gegen die Diskriminierung von Minderheiten bekommen, aber für ein derartig prononciertes politisches Anliegen?! Der Staat, das ist meine tiefste Überzeugung, muss säkular sein, egal ob in Berlin, in Istanbul, Washington oder Teheran. Er soll sich gefälligst aus Glaubens- und Weltanschauungsfragen heraus halten oder wenigstens neutral verhalten. Alle Schulkinder sollen am gemeinsamen Ethikunterricht teilnehmen. Darüber hinaus, in der Freizeit, können sie machen, was sie wollen. Mitgliederwerber von Religionsgemeinschaften, Drogendealer und sonstige Geistesvernebler sollten keinen Zutritt zu Schulhöfen haben. Auch wenn sie gerade in Berlin – wo ein Großteil der Bevölkerung konfessionslos lebt – gerne den Zugang zu Schulen nutzen würden, um neue Jünger anzuwerben… Den Rest des Beitrags lesen »

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Bauchtanz: Shimmys für Männer

Der Begriff Shimmys (von englisch „to shimmer“ für schimmern, flimmern) wird  seit dem Bauchtanzboom in den 1970ern für das Schütteln von Schultern oder Hüfte beim Bauchtanz verwendet. Bauchtanz hat einen Scheißruf, weil die meisten Leute an wackelnde Möpse im Klimpergewand denken. Dabei ist der orientalische Tanz das totale Wellnessprogramm für den Körper: Bauchtanz lockert Verspannungen, erhöht das Körpergefühl, stärkt die Wirbelsäule. Das dürfen jetzt auch Männer erfahren: Beckenboden-Trainerin Tara (40) vom lesbisch-schwulen Sportverein Vorspiel lädt jeden Freitag Männer zum Bauchtanzen ein. Mitzubringen sind Experimentierfreude, bequeme Kleidung, Schläppchen oder Bremssocken und – wer hat – ein viereckiges Hüfttuch. Es beginnt mit Aufwärmen, dann kommen Lockerungs- und Isolationsübungen, denen Basisschritte und schließlich das Einstudieren von Choreographien folgt. „Wer jetzt anfängt schafft eine kleine Choreo bis zum Christopher Street Day im Sommer“, verspricht Tara und unterstreicht: „Auch Hetero-Männer dürfen kommen, niemand wird wegen seiner sexuellen Orientierung ausgeschlossen – aber nur nach Absprache.“ Infos unter www.vorspiel-berlin.de

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Schwule Vereine: Von Kicker bis Pufferküsser

„Sport ist im Homo-Verein am schönsten“, findet Grit, 35, Tischtennisspielerin und schon im dritten Jahr im Vorstand von „Vorspiel“. „Vorspiel“ ist der Berliner Sportverein für Lesben und Schwule, mit rund 1.100 Mitgliedern eine der größten Berliner Lesben- und Schwulenvereinigungen. „Ich finde es halt angenehmer, mit Gleichgesinnten meine Freizeit zu gestalten, ohne mich in irgendeiner Art und Weise verrenken oder erklären zu müssen“, sagt die Wirtschaftsingenieurin. Zur Zeit belegt ihre Tischtennis-Gruppe in der ersten Berliner Kreisliga den 5. Platz, Mittelfeld. „Wir wollen Herausforderung und uns mit anderen messen. Schließlich spielen wir nicht Bällchen über die Schnur.“ Und wie funktioniert das gemeinsame Vorspiel von Lesben und Schwulen? „Es gab schon Männer, die sagten, von einer Frau lasse ich mich nicht trainieren. Aber ob ich mit jemandem gut klar komme, hängt nicht vom Geschlecht ab.“ Vier bis fünf Stunden opfert sie jede Woche für die Vereinsarbeit. Trotz Bürokratie hält Grit einen eingetragenen Verein für sinnvoll – denn nur so ließen sich die Interessen der verschiedenen Sparten unter einen Hut bringen. Und: „Und um so größer ein Verein ist, um so besser sei seine Verhandlungsposition bei der Beantragung von Hallenzeiten.“

Von Vereinsmeierei hält man bei Lokruf nichts. Der schwule Freundeskreis von Eisenbahntechnik und -geschichte, Straßen- und Modellbahn legt wert auf Lockerheit: „Wir sind keine Pufferküsser“, sagt der 75-jährige Gaston, „keine kleinkarierten Bahnexperten, die über Spurweiten streiten.“ Der ehemalige Theatermann aus Pankow wurde wegen der Bahnliebhaberei schon Opfer der Stasi. Denn noch vor dem Fall der Mauer traf er sich mit Homos, Bi- und toleranten Heterosexuellen zum Austausch über Schienenverkehr in einer konspirativen Wohnung. „Alles was nicht von SED oder FDJ organisiert war, war denen suspekt“, sagt Gaston. Auch wegen dieser Erfahrungen ist heute alles so wie am runden Tisch: keine feste Mitgliedschaft, kein Vorsitzender, jeder kann sofort mitmachen „vom Müllkutscher bis zum Professor“. Jeden 4. Donnerstag im Monat treffen sich bis zu zehn Eisenbahnfreunde im Sonntagsclub in Prenzlauer Berg, am zweiten Samstag des Monats machen sie Ausflüge etwa zur Harzer Schmalspurbahn oder der Museumseinsenbahn in Buckow.

Etwas verbindlicher geht es bei den Hertha-Junxx zu: Der Fanklub ist offiziell von Hertha BSC anerkannt – eben für die anders gepolten Herthianer. Seit seiner Gründung im Sommer 2001 ist der Klub auf 51 Mitglieder angewachsen, sogar in Freiburg, Köln und Straßburg leben Anhänger; und Grünen-Politikerin Claudia Roth ist Ehrenmitglied. Gerd ist seit dem 7. Lebensjahr Hertha-Fan: „Früher bin ich mit Vattern zu den Spielen gegangen, aber dann ist das Schwulsein dazwischen gekommen.“ Als er von den Hertha-Junxx im Radio erfuhr, wurde er gleich Mitglied. Mittlerweile ist der 36-jährige Polizist stolzer Inhaber einer Dauerkarte und Vorsitzender des lesbi-schwulen Fanklubs. „Jetzt geh ich zu jedem Spiel, auch zu Auswärtsspielen. Mit Gleichgesinnten hat es einfach mehr Flair.“ Das bunte Fan-Grüppchen hat samt 2,50m x 1,50m großen Regenbogenfahne mit Hertha-Logo seinen festen Platz im „konservativen“ Block. „Die Mutter-Vater-Kind-Familien haben uns voll akzeptiert. Und wenn Tore fallen, dann wird mit denen abgeklatscht.“ Auf dem lesbisch-schwulen Motzstraßenfest wollen die Hertha-Junxx mit einem eigenen Fanmobil neue Mitglieder werben, denn in der Klubkasse sieht es mau aus. Und natürlich kicken die Junxx auch selbst Fußball wie Beckham: Sonntagsnachmittags im Tiergarten. Treffen ist um 15:00 Uhr an der Löwenbrücke.

„Ähm, das Banker besonders langweilig sind, kann ich so pauschal eigentlich nicht sagen“, erklärt Bankkaufmann Enrico, 32, von den Gay Bankern, einer Vereinigung von Finanzdienstleistern. Die Berliner Gruppe trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat an wechselnden Orten wie Victoria-Bar oder dem „Nö“ in Glinkastraße in Mitte. Zu jedem Treffen kommen zwischen zehn und 15 Mitarbeiter von Sparkassen, Genossenschafts- oder Privatbanken (Direktoren sind nicht darunter) und überregionalen Finanzdienstleistern, um sich über ihr Arbeitsumfeld, Diskontsätze, Umstrukturierungen und andere spannende Themen auszutauschen. Flirten sei zwar nicht verboten, aber nicht das Ziel. „Wir wollen einfach mit netten Leuten zusammen zu kommen“, so Berater Enrico. Entsprechend ist aus dem Netzwerk auch noch keine Banker-Homoehe hervorgegangen.

Bei den Queer-Springern geht es um Schach für Schwule und Lesben. Wettkampfschach, denn immerhin belegt die 30-köpfige Homo-Truppe (davon 5 weiblich) die zweite Klasse und ist damit auf bestem Weg in die Landesliga. Um überhaupt an den Berliner Meisterschaften teilnehmen zu können, wurde 2002 ein Verein gegründet. Mitgliedschaft ist für 4,50 Euro (ermäßig 3,00 Euro) zu haben, Vorsitzende ist die HU-Studentin Beate, 26. Seit ihrem 6. Lebensjahr spielt sie Schach, aber nach eigenen Angaben nur mittel-toll. „Es sammeln sich komischerweise lauter nette Leute bei uns an, die nicht zocken oder auf den schnellen Gewinn aus sind“, beschreibt Beate „ihren“ Verein. Immer wieder sonntags wird von 19 bis 22 Uhr im Mann-O-Meter, Bülowstraße 106, gespielt, entweder in Blitzschach von zwei mal fünf Minuten oder zwei längere ausgedehnte Partien. Nebenbei gibt es Kaffee, Bier, Saft und mitunter Kekse und Schokoriegel. Auch blutige Anfänger sind eingeladen, bekommen Hilfestellung.

Lesben und Schwule singen gerne, warum sonst gibt so viele „queere“ Chöre in der Stadt? Musikpädagogin Anna, 34, leitet gleich zwei: Die „Classicals Lesbians“, die seit 1996 Brahms, Schubert, alte Musik singen und so eben ihre erste CD „My Sweeatest Lesbia – Von Renaissance bis Moderne“ auf den Markt geworfen haben. Und den Heart-Chor, dessen 25 Mitsängerinnen ein Mal in der Woche Jazz, Pop und Schläger a là „Willst du mit mir gehen?“ oder „Lullaby of Birdland“ trällern. „Bei Frauen gibt es eine Tradition, sich basisdemokratisch zu organisieren“, erklärt Anna „deshalb sind Vereine nicht so angesagt, auch wenn es in finanzieller Hinsicht hilfreich wäre.“ Denn ein eingetragener Verein kommt leichter an Zuschüsse, Spenden und Probenräume. Trotzdem gibt es fest verteilte Aufgaben: Neben Kassenwärtin und Koordinatorinnen gibt es sogar eine Repertoire-Gruppe, die Liedtexte auf lesbisch umdichtet. Ein gewisser Grad an Struktur ist eben doch hilfreich. Oliver Numrich

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Aufklärungscomic: Mit Pussy zum Sammeln

„Pussy dentata“ ist – frei nach Freud – die fleischgewordene männliche Urangst und Antiheldin in den Comics von Ursula Dietz (Bilder) und Tom Keller (Text): Allein und ungeliebt stöckelt sie durch die Berliner Subkultur und hat es dabei auf die primären Geschlechtsorgane von Schwulen abgesehen. Nur Superheld Battyman und sein Gehilfe, Ostschwuppe Ronny, können sie stoppen. Die Porno-Comics, in denen es um Punker-Schwänze, frustrierte Mösen und genervte Transen geht, sind aufgemacht wie Panini-Sammelheftchen, nur mit dem Unterschied, dass man statt Fußballer-Portraits Sticker von Pussy und Co einklebt. Jeweils zwei Sticker stecken in einem Safer-Sex-Set bestehend aus Kondom und Gleitgeld und das ist die Idee dahinter: Die Comic-Freunde müssen Kondome kauften, um das Sammelheft nach und nach zu füllen. Denn das ganze ist Teil einer Safer-Sex-Kampagne des senatsgeförderten Projekts „ManCheck“, die sich explizit an linksalternative Schwule richtet. Obwohl die Übertragungswege von HIV bekannt sind, scheint Aufklärung nötiger als je zuvor: Die Schwulen sind Safer-Sex-müde geworden. „Bareback“, amerikanischer Ausdruck für das Reiten ohne Sattel, heißt das verkaufsfördernde Stichwort auf immer mehr schwulen Porno-DVDs und meint: Ficken ohne Gummi. Bei „gayromeo.com“, einem der meist besuchten deutschen Schwulenportale, kann man im Profil unter „Safer Sex“ angeben, ob man es „immer“ oder „niemals“ praktiziert oder es einem gar „egal“ ist. Und das Robert-Koch-Institut hat gerade bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten eine starke Zunahme an HIV-Erstdiagnosen in Deutschland festgestellt. Die klassische Präventionsarbeit erreicht viele Leute nicht mehr, fürchten auch Künstlerin Ursula Dietz und Theatermann Tom Keller. Die Stickeralben-Idee kam ihnen am Tresen des „Black Girls Coalition“ in Friedrichshain, als sie sich über die Hochglanz-Faltblätter von „ManCheck“ lustig machten. „Das Layout der Flyer war total platt und kommerziell wie Werbung von einem Fitness-Club“, sagt Ursula Dietz. Ehrenamtliche Männer-Checker verteilten damals kostenlose Kondome und als Beigabe farbig leuchtende Glowsticks. „Darüber freut sich vielleicht ein Raver-Boy in der „Busche“, aber in der alternativen Sub findet man das peinlich“, meint Keller. Ursula Dietz tourt sonst mit Ausstellungen wie „Fuck Barbie“ durch Clubs, baut Pappmaché-Panzer für Straßentheater oder backt Fan-Spekulatius für Klaus Beyer. Zur Zeit huldigt sie mit dem „Gesangsamt Friedrichshain“ dem Karaoke-Kult. Und weil sie immer schon Homo-Pornos zeichnen wollte, kam sie auf die Idee mit den Sammelheften. Gemeinsam mit Keller überzeugte sie Alex Buschky von ManCheck, die Hefte mit den kruden Storys herzustellen, den Safer-Sex-Sets die Aufkleber beizulegen und in Szenelokalen wie Möbel Olfe, Sonntagsclub oder dem SO36 zu verteilen. Tom Keller macht seit zwei Jahren in Berlin Theater, zuletzt mit der Gruppe „Crash the box“. Er will mit den Comics die Hemmungen vor dem Kondomkauf abbauen. „Battyman und Ronny“ sei dezidiert antikommerziell und persifliere die schwulen Stereotypen durch die Überhöhung zu Superhelden. Der Comic spielt in der autonomen Schwulenszene, an die er sich auch wendet, und die ManCheck ansonsten nicht erreicht. Mit den Sammelstickern soll außerdem ein Anreiz geschaffen werden, regelmäßig den Kondomvorrat aufzufüllen: „In den meisten Läden geht es doch drum, jemanden kennen zu lernen oder einen One-night-stand zu haben“, sagt Keller. Die wesentliche Frage sei deshalb: „Hast Du im entscheidenden Moment ein Gummi dabei oder nicht?“ Und dann sei es eben praktisch, wenn es in den Szenelokalen auch billige Kondome zu kaufen gibt. Sammelheft Nr. 5 erscheint am 21. August zum lesbisch-schwulen Parkfest im Volkspark Friedrichshain. Angeblich wird „Pussy dentata“  in dieser Ausgabe, die auch auf dem Homo-Parkfest spielt, mittels Grillwürstchen gezähmt und von ihrer Schwanzaversion befreit. Bis dahin wird schwulen Männern dringend ein Suspensorium empfohlen. Oliver Numrich

Pussy auf Stöckeln

Pussy auf Stöckeln

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Polnische Lesben und Schwule im Berliner Exil

“Es ist eine Schande, dass dieser Mann hier sprechen darf. Dieser Mann ist ein Antidemokrat, und er verhetzt das polnische Volk. Damit ist er mitverantwortlich für Gewalt gegen Schwule und Lesben!“ Bei seinem Deutschlandbesuch Anfang des Jahres musste sich Polens Staatspräsident Lech Kaczynski eine ungewöhnliche Standpauke anhören. Deutsche und polnische Lesben und Schwule stürmten den Festakt in der Humboldt-Universität, in der Kaczynski eigentlich über Europa dozieren wollte. Stattdessen outet ihn ein Homo-Aktivist als Volksverhetzer und Schwulenhasser. Der Redner hatte sich im Tumult zur Bühne vorgekämpft, auf der Bodyguards den ausländischen Staatsbesuch mit Regenschirmen vor Eierwürfen schützten. Regungslos nahm der graugesichtige Kaczynski die Übersetzung entgegen, um später zu sagen, dass er froh sei, dass Lesben und Schwule sich nicht vermehren könnten. Doch mit dieser Einschätzung irrt der polnische Rechtsaußen – sie werden immer mehr! So gingen über 5.000 Lesben und Schwule Ende Juni in Warschau auf die Straße, um beim „Marsch für Gleichheit“ für ihre Rechte zu demonstrieren – es war die größte Homo-Parade, die Polen je gesehen hatte. „Unser Marsch hat deutlich gezeigt, dass die Bürger von Polen sich die Diskriminierungen nicht länger gefallen lassen“, sagt Tomasz. Der 33-Jährige hat die Homo-Parade organisiert, er lebt die Hälfte des Jahres in Berlin, bei seinem deutschen Lebenspartner, die übrige Zeit in Warschau. Tomasz ist einer von vielen Homosexuellen, die aus Polen ins Berliner Exil geflohen sind. Gleich nach der Wende kam er nach Deutschland, um hier Ökonomie zu studieren. „Damals schon war Berlin eine ganz andere Welt für uns. Es hat mir gezeigt, wie es auch in Polen sein könnte“, sagt Tomasz. Mittlerweile ist Deutschland sein „zweites Vaterland“ geworden. Berlin sei zwar keine Oase, aber er fühle sich hier „normal“, ohne Beschränkungen und Befürchtungen. In seiner Heimat muss er Schlimmeres als Pöbeleien befürchten, denn durch den Kampf für gleiche Rechte hat er es zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht. Sein Name findet sich samt Foto und Handynummer auf rechtsextremen Internetseiten, stets verbunden mit der Aufforderung, ihn fertig zu machen. „Mir war klar, dass eine Parade ohne die Unterstützung des Auslands nicht möglich gewesen wäre“, sagt Tomasz mit ernster Miene. Sein einziges Argument bei den Verhandlungen mit der Warschauer Stadtverwaltung war: „Da kommen hunderte Deutsche, die müssen geschützt werden, sonst gibt es diplomatische Probleme.“ Um diese Drohkulisse glaubwürdig zu machen, mobilisierte Tomasz alle Kontakte, die er zur Berliner Szene hatte. Die ließ sich nicht lange bitten und fiel mit vier eigens gemieteten Bussen zum Gleichheitsmarsch in Polens Hauptstadt ein. Zur quietschfidelen Reisegesellschaft gehörten auch der bereits bei ähnlicher Gelegenheit in Moskau malträtierte Grünenabgeordnete Volker Beck, Quatsch-Komödiant Thomas Hermanns und Lindenstraßen-Nervensäge Georg Uecker. Es schien grad so, als habe die vereinte Berliner Schwulenbewegung wieder ein lohnendes Betätigungsfeld gefunden, seitdem ein offen schwuler Bürgermeister jeden Diskriminierungs-Vorwurf im Keim erstickt. Tatsächlich ist Berlin für Tomasz ein Vorbild im Umgang mit Minderheiten. Nicht nur mit Schwulen und Lesben, sondern auch mit Ausländern. „Es ist eine Multikulti-Stadt und so stelle ich mir Europa vor.“ „Berlin ist meine Stadt“, sagt auch der 30-jährige Mikolai, „hier will ich nicht mehr raus, außer vielleicht in den Urlaub.“ Schwulsein sei in Polen zwar nicht verboten, aber auch nicht gern gesehen. In Berlin dagegen könne man sein wie man will. Auf dieser Erkenntnis fußt auch die Geschäftsidee des selbständigen Reisekaufmanns. Er organisiert Berlin-Touren für polnische Lesben und Schwule, die ihrem Heimatland für ein Wochenende oder länger den Rücken kehren wollen. „Wenn die hier ankommen, sind sie total sprachlos“, beschreibt Miko in flüssigem Deutsch, „sie sind richtig schockiert, aber positiv schockiert.“ Er zeigt den Toleranz-Touristen dann alle einschlägigen Bars und Treffpunkte und übersetzt – notfalls auch beim Flirten. Die Warschauer Gleichheits-Parade hat Miko gleich genutzt, um Werbung für seine Reiseagentur zu verteilen. Er selbst kam ebenfalls zum Urlaubmachen in die Stadt, verliebte sich in einen Einheimischen und so wurden aus geplanten zwei Wochen Berlin acht Jahre. „Ich bin hier glücklich, schwul zu sein“, bekräftigt er, „ich muss mich nie vor jemandem verstecken.“ Entgegen landläufiger Meinung schätzt er auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten in Berlin besser ein: „Ich verdiene mehr als ich in Polen kriegen würde und die Preise sind in beiden Ländern fast gleich.“ „Das Leben in Berlin ist bunt und billig“, meint auch Leszek. Der 43-jährige Multimedia-Künstler wohnt mit seinem griechischen Ehemann in einer geräumigen Dachgeschosswohnung in Friedrichshain. Zur Hochzeit letztes Jahr kamen auch die Eltern aus Polen. „Mein Vater versteht nicht, warum ich schwul bin“, sagt Leszek, „aber er liebt mich und deshalb akzeptiert er, wie ich lebe.“ Auch das zeitlose Kaffee-Service, das die Eltern seit 20 Jahren zur Aussteuer bereithalten, wurde ihm am Hochzeitstag feierlich überreicht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal heiraten würde“, erzählt Leszek lachend, „und mich schon gefreut, dieses grässliche Service niemals zu bekommen.“ Die offizielle Atmosphäre bei der Verpartnerung auf dem Standesamt, die vielen Freunde, die Offenheit der Stadt – all das beeindruckte seine Eltern so sehr, dass sie von nun an keine Fragen mehr stellten. „In Polen ist man eben gleich so definiert“, sagt Leszek, „und hier musst du dich nicht rechtfertigen, für das, was du bist.“ So viel Akzeptanz motiviert nicht gerade zum politischen Engagement. Kasia geht trotzdem zweimal im Monat zu ihrer Politgruppe „Tolerancja Po Polsku“. Sie ist 27, lesbisch und seit vier Jahren in Berlin auf der Suche nach der großen Liebe. Sie sammelt Unterschriften gegen Diskriminierung polnischer Lesben und Schwulen, demonstriert vor der polnischen Botschaft und steht am Infostand auf dem lesbisch-schwulen Straßenfest. „Ich habe viele homosexuelle Freunde in Polen und würde mich freuen, wenn es denen auch besser ginge“, sagt Kasia. Das Problem der Lesben in Polen sei, dass sie überhaupt nicht wahrgenommen würden. „Insofern haben sie es leichter, weil sie quasi nicht existieren.“ Auch die Presse habe fast nur über Schwule berichtet, die am Gleichheitsmarsch teilnahmen. Es sei nicht so, dass man in Polen jeden Tag um sein Leben fürchten müsse nur weil man lesbisch oder schwul ist, erklärt Kasia. Es gehe um die alltägliche Diskriminierung. „Wenn man immer aufpassen muss, was man macht oder sagt, ist das vielleicht noch schlimmer, als würde man geschlagen.“ In ein paar Jahren möchte sie Kinder haben, der Papa ist schon da, nur die zweite Mutti fehlt noch. „Heutzutage will sich ja keine mehr binden“, klagt sie. Das ist eben auch typisch für Berlin! Oliver Numrich

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Berliner Mythen: Die Heimat der promisken Schwulen

Die beiden Männer könnten verschiedener nicht sein: der ältere von beiden im Anzug, mit Krawatte und Aktentasche, der jüngere in Jeans und aufgeknöpftem Hemd. Es ist kurz nach Büroschluss, als sich die beiden auf der öffentlichen Toilette am Großen Stern begegnen. Sie sprechen kein Wort, ein paar verstohlene Blicke am Eingang, einige deutliche Gesten am Pissoir reichen zur Verständigung. Dann verschwinden sie zusammen in einer der Kabinen.

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Das SchwuZ: In 30 Jahren vom Alternativ-Verein zum Party-Dienstleister

„Das ist doch Etikettenschwindel“, sagt Chouchou de Briquette, „man kann nicht 30 Jahre SchwuZ feiern, weil es das SchwuZ nicht mehr gibt.“ Die bekennende Trümmertunte organisierte viele Jahre Kulturprogramme im Schwulenzentrum und bot mit der LiedStrich-Reihe Auftrittsmöglichkeiten „für junge, hoffnungslose Talente“, von denen es einige später zu erklecklichen Erfolgen bringen sollten, so etwa das Duo Rosenstolz, Cora Frost oder Rainer Bielfeld. Für de Briquette und manch ehemaligen Stammgast hat die kommerziell orientierte SchwuZ-GmbH von heute nichts mehr mit dem rührigen Verein der Anfangsjahre zu tun. Tatsächlich hat sich das SchwuZ etabliert so wie auch andere Gruppen, die aus der Protestbewegung der 70er Jahre hervorgegangen sind und inzwischen zum Establishment gehören. An der Gründung des SchwuZ-Vorläufers ist der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim beteiligt: Sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ sorgt Anfang der 70er Jahre bundesweit für Aufsehen und rüttelt auch die Berliner Schwulenszene wach. Nach einer Vorstellung im Arsenal wird hitzig darüber diskutiert, wie sich die Lebensumstände für Homosexuelle verbessern lassen. Es bildet sich eine Gruppe, die sich nach vielem hin und her den Namen „Homosexuelle Aktion Westberlin“ gibt. Die ersten Treffen finden in der Dennewitzstraße 33 statt, in der auch Praunheim sein Atelier hat. Als das Haus abgerissen wird, um für die geplante Westtangente Platz zu schaffen, verlegt der Debattierklub seinen Sitz in die Kulmer Straße 20a. Als sich die HAW immer mehr zerstreitet und schließlich auflöst, wird 1977 ein Verein gegründet, um die Räume auch weiterhin „als Schwulenzentrum“ – wie es damals in einem Flugblatt heißt – nutzen zu können. Die Abkürzung des neuen Namens prägt sich ein und so heißt der Ort von nun an SchwuZ. Das SchwuZ wird zum Angelpunkt vieler Szene-Initiativen, die sich damals nicht in Kneipen treffen können, vom AIDS-Aktions-Komitee bis zur schwulen Schülergruppe. Es ist auch Geburtsstätte des schwulen Buchladens „Prinz Eisenherz“, des Verlags „Rosa Winkel“ und des Magazins „Siegessäule“. Samstags heißt es „Offener Abend“, der Eintritt ist frei, irgendeiner bringt seinen Plattenspieler mit, ein anderer ein paar Scheiben und billiges Bier der Marke „Herrenpils“ wird gegen Spende ausgegeben. Die Einrichtung ist plüschig und abgerantzt wie in einem städtischen Jugendklub: Bunte Stoffbahnen unterteilen den Raum, damit er am frühen Abend nicht so leer wirkt, in einer Ecke sind alte Matratzen aufgestapelt, in einer anderen steht ein Hochbett, auf dem schnauzbärtige Männer lümmeln. Ob Punk oder Lederschwester, ob alt oder jung, alle kommen wenigstens einmal am Samstagabend im SchwuZ vorbei, es ist nie ein Laden nur für eine bestimmte Szene, sondern offen für alle. Mit den Einnahmen vom Catering für den Christopher Street Day wird der Bau einer Bühne bezahlt. Auf ihr produziert das Ensemble Ladies Neid gesellschaftskritische Tuntenshows von epochaler Länge. In ihnen geht es nicht um die perfekte Imitation des Weiblichen, sondern um die Sabotage der Geschlechtergrenzen. Nur das Treppenhaus ist dem zunehmenden Besucherandrang nicht gewachsen, die Bauaufsicht erlaubt nicht mehr als 99 Gäste, und so muss das SchwuZ im Januar 1987 erneut umziehen, diesmal geht es in die Kreuzberger Hasenheide. Zur Disko kommen jetzt bis zu 600 Partyhungrige, dazwischen immer wieder Kulturprogramm auf Stöckeln: Ronald M. Schernikau inszeniert sein Theaterstück „Die Schönheit“, Cora Frost und Rainer Bielfeld singen, Rosenstolz absolviert seinen allerersten Auftritt, Melitta Sundström thematisiert bei ihren kabarettistischen Shows die eigene AIDS-Erkrankung. Doch die Fabriketage wird verkauft und so muss das SchwuZ im Februar 1995 erneut auf Wanderschaft gehen. Diesmal zieht es an den Mehringdamm 61, in einen Keller mit Sandboden und ohne Wasseranschluss, der ein Jahr lang zum Club mit Bühne, drei Tanzflächen und Bars ausgebaut und zum CSD 1999 eröffnet wird. Auch die Geschäftsgrundlage verändert sich, eine GmbH mit allein entscheidendem Geschäftsführer löst den Verein und dessen offenes Plenum ab, das Etablissement wird auch steuerlich als Gastronomiebetrieb legalisiert. „SchwuZ“ ist heute ein eingetragenes Warenzeichen, dessen Mitarbeiter vom Geschäftsführer bis zum Garderobiere bezahlt werden, das eine eigene Pressestelle und sogar einen Auszubildenden hat. Das SchwuZ ist heute ein gut gemachter, professioneller Club, ein prima Partyort für Lesben und Schwule, jung wie alt. Vielleicht ist es einfach Zeit für einen neuen Namen. Oliver Numrich

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