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Aufklärungscomic: Mit Pussy zum Sammeln

„Pussy dentata“ ist – frei nach Freud – die fleischgewordene männliche Urangst und Antiheldin in den Comics von Ursula Dietz (Bilder) und Tom Keller (Text): Allein und ungeliebt stöckelt sie durch die Berliner Subkultur und hat es dabei auf die primären Geschlechtsorgane von Schwulen abgesehen. Nur Superheld Battyman und sein Gehilfe, Ostschwuppe Ronny, können sie stoppen. Die Porno-Comics, in denen es um Punker-Schwänze, frustrierte Mösen und genervte Transen geht, sind aufgemacht wie Panini-Sammelheftchen, nur mit dem Unterschied, dass man statt Fußballer-Portraits Sticker von Pussy und Co einklebt. Jeweils zwei Sticker stecken in einem Safer-Sex-Set bestehend aus Kondom und Gleitgeld und das ist die Idee dahinter: Die Comic-Freunde müssen Kondome kauften, um das Sammelheft nach und nach zu füllen. Denn das ganze ist Teil einer Safer-Sex-Kampagne des senatsgeförderten Projekts „ManCheck“, die sich explizit an linksalternative Schwule richtet. Obwohl die Übertragungswege von HIV bekannt sind, scheint Aufklärung nötiger als je zuvor: Die Schwulen sind Safer-Sex-müde geworden. „Bareback“, amerikanischer Ausdruck für das Reiten ohne Sattel, heißt das verkaufsfördernde Stichwort auf immer mehr schwulen Porno-DVDs und meint: Ficken ohne Gummi. Bei „gayromeo.com“, einem der meist besuchten deutschen Schwulenportale, kann man im Profil unter „Safer Sex“ angeben, ob man es „immer“ oder „niemals“ praktiziert oder es einem gar „egal“ ist. Und das Robert-Koch-Institut hat gerade bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten eine starke Zunahme an HIV-Erstdiagnosen in Deutschland festgestellt. Die klassische Präventionsarbeit erreicht viele Leute nicht mehr, fürchten auch Künstlerin Ursula Dietz und Theatermann Tom Keller. Die Stickeralben-Idee kam ihnen am Tresen des „Black Girls Coalition“ in Friedrichshain, als sie sich über die Hochglanz-Faltblätter von „ManCheck“ lustig machten. „Das Layout der Flyer war total platt und kommerziell wie Werbung von einem Fitness-Club“, sagt Ursula Dietz. Ehrenamtliche Männer-Checker verteilten damals kostenlose Kondome und als Beigabe farbig leuchtende Glowsticks. „Darüber freut sich vielleicht ein Raver-Boy in der „Busche“, aber in der alternativen Sub findet man das peinlich“, meint Keller. Ursula Dietz tourt sonst mit Ausstellungen wie „Fuck Barbie“ durch Clubs, baut Pappmaché-Panzer für Straßentheater oder backt Fan-Spekulatius für Klaus Beyer. Zur Zeit huldigt sie mit dem „Gesangsamt Friedrichshain“ dem Karaoke-Kult. Und weil sie immer schon Homo-Pornos zeichnen wollte, kam sie auf die Idee mit den Sammelheften. Gemeinsam mit Keller überzeugte sie Alex Buschky von ManCheck, die Hefte mit den kruden Storys herzustellen, den Safer-Sex-Sets die Aufkleber beizulegen und in Szenelokalen wie Möbel Olfe, Sonntagsclub oder dem SO36 zu verteilen. Tom Keller macht seit zwei Jahren in Berlin Theater, zuletzt mit der Gruppe „Crash the box“. Er will mit den Comics die Hemmungen vor dem Kondomkauf abbauen. „Battyman und Ronny“ sei dezidiert antikommerziell und persifliere die schwulen Stereotypen durch die Überhöhung zu Superhelden. Der Comic spielt in der autonomen Schwulenszene, an die er sich auch wendet, und die ManCheck ansonsten nicht erreicht. Mit den Sammelstickern soll außerdem ein Anreiz geschaffen werden, regelmäßig den Kondomvorrat aufzufüllen: „In den meisten Läden geht es doch drum, jemanden kennen zu lernen oder einen One-night-stand zu haben“, sagt Keller. Die wesentliche Frage sei deshalb: „Hast Du im entscheidenden Moment ein Gummi dabei oder nicht?“ Und dann sei es eben praktisch, wenn es in den Szenelokalen auch billige Kondome zu kaufen gibt. Sammelheft Nr. 5 erscheint am 21. August zum lesbisch-schwulen Parkfest im Volkspark Friedrichshain. Angeblich wird „Pussy dentata“  in dieser Ausgabe, die auch auf dem Homo-Parkfest spielt, mittels Grillwürstchen gezähmt und von ihrer Schwanzaversion befreit. Bis dahin wird schwulen Männern dringend ein Suspensorium empfohlen. Oliver Numrich

Pussy auf Stöckeln

Pussy auf Stöckeln

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Weihnachten zum Kiez-Bingo: Unter Omis, Türken und Transen

Wenn Spekulatius und Glühwein den Magen wärmen, erinnern sich die Berliner daran, dass sie neben der Schnauze auch ein Herz haben. Spendensammler feiern zu Weihnachten ihre größten Erfolge. Helfer, die Suppe an Unterschichten verteilen oder Obdachlose mit Bibelzitaten nerven, können sich vor Freiwilligen kaum retten. Ist das Nächstenliebe oder arbeiten da Gutmenschen an ihrem Karma? Beim Kiezbingo im SO36 wird nicht nur zu Weihnachten, sondern ganzjährig Gutes getan – ohne viel Aufhebens. Denn sämtliche Erlöse der trashigen Glücksspiel-Persiflage gehen an bedürftige Projekte, vom Kinderbauernhof bis zur Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. „Das ist eine schöne Sache. Ich darf das sagen, weil ich nichts davon habe“, sagt Moderatorin Gisela Sommer. Sicher? „Okay, wir kriegen einen BVG-Fahrschein, damit wir hinterher nach Hause kommen“. Und nach einer kurzen Pause: „Außerdem können wir umsonst trinken.“ Abwechselnd mit Kollegin Inge Borg verkündet sie die Glückszahlen, die das Publikum – ein bunter Querschnitt der Bewohner der Oranienstraße, von der Oma bis zum Jungtürken – mit jenen auf den Bingo-Scheinen vergleicht. Die Scheine werden gegen Spende von den Mitarbeitern der Projekte ausgegeben.
Natürlich verläuft Kiezbingo in einem Punkschuppen wie dem SO 36 anders als in der Kirchengemeinde. Wenn ein Teilnehmer eine Zahlenreihe vervollständigen konnte, blinken die Bingo-Lettern auf der
Bühne. Alles wie gehabt. Dann aber puscheln die Geriatrischen CheerleaderInnen mit ihrem Weihnachtsoutfit – so gut sie können, schließlich sind alle über 30. Und die Waldflamingo-Bingo-Band quittiert das mit einem Tusch. Seit sechs Jahren ist es der gleiche nervtötende Jingle, aber mehr können sie nicht. „Wir machen hier Travestie-Imitation“, sagt Moderatorin Sommer, „die Leute gruseln sich, wenn sie nach vorne kommen müssen, um den Gewinn abzuholen.“ Die Gewinne werden von den benachbarten Geschäften und Lokalen gestiftet. Eine Woche vor Veranstaltung klappern Vertreter des Projekts, dem die Einnahmen zukommen, die Läden ab, stellen ihre Initiative vor und bitten um eine Gabe. Dabei geben fast alle irgendetwas – von einem Gutschein über eine „Pizza, aber nicht Nr. 57 und 58″ bis zu einem Freiflug nach Kuba. Pro Spieleabend kommen mit Eintrittsgeldern (3 Euro pro Person inklusive Garderobe) und dem Verkauf der Bingo-Zettel mindestens 1000 Euro für das jeweilige Spendenprojekt zusammen. Oft auch mehr, wenn Betriebe ihre Weihnachtsfeier ins SO36 verlegen. „Die Leute denken nicht ,Ich sitze hier und tue was Gutes, indem ich Zahlen auf nem bunten Zettel abdecke“, sagt Sommer, „sondern die haben einfach Spaß.“ Ist Glücksspiel unmoralisch? Falls es so was wie den guten Geist der Weihnacht gibt, er würde hier mitzocken.

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Dokumentation: Erklärung zu den Angriffen der Polizei auf TeilnehmerInnen des Berliner Christopher Street Day am 28. Juni 1997

Allianz der Saubermänner

Gestern, am Samstag, den 28.06.1997, kam es zum ersten Mal in der Geschichte des Berliner CSD zu einem Polizeieinsatz gegen einen Teil der Demonstration. Einer der Wagen des „Herz-mit-Hirn“-Blocks wurde von Anfang an von Videoteams der Polizei gefilmt. Das besondere Interesse der Polizei galt dem Wagen der H-Bar, der Transparente mit dem inzwischen bekannten Landowsky-Zitat über die Ratten und das Gesindel in dieser Stadt trug. Auf diesem Wagen befand sich eine mit Schlamm gefüllte Badewanne, aus der sich DemonstrationsteilnehmerInnen bedienten, um gegen die „Saubermann“-Politik der großen Koalition in Berlin zu protestieren. Nicht nur die AkteurInnen wurden akribisch gefilmt, sondern auch die kleinsten Schlammspritzer auf den am Rande der Demo- Strecke stehenden Pkw. Den Rest des Beitrags lesen »

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