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Studenten und ihre Autos

Was verbindet Studenten mit ihren Autos und wozu brauchen sie überhaupt fahrbare Untersätze – in den meisten deutschen Uni-Städten gibt es doch Semestertickets und einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr? Wir befragten fünf Studenten, warum sie ein Auto haben und wofür sie es benutzen.

Steffen im Smart

Steffen im Smart

Steffen, 27, studiert im 11. Semester Soziologie an der Freien Universität in Berlin. Seit das Semesterticket für FU-Studenten nicht mehr gilt, nimmt er den Smart. Von seiner WG im Ostberliner Szenebezirk Friedrichshain braucht er eine halbe Stunde zur Uni im noblen Berliner Süden. Den Wagen, Baujahr 1998, hat er für 3.748,89 Euro bei Ebay ersteigert. Bezahlt hat er ihn selbst: aus Aktiengewinnen. „Für Berlin ist er superpraktisch, weil die Stadt total autofreundlich ist. Außerdem findet man immer einen Parkplatz“, sagt Steffen. Nur die lange Fahrt zu den Eltern in der Pfalz wird im Minimobil zur Qual: „Spätestens in den Kasseler Bergen mit fast 10% Steigung überholen uns die LKW.“

Sportlich mit Golf

Sportlich mit Golf

Anika, 25, ist seit neun Semestern Lehramtsstudentin für Religion und Englisch an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Ihren Golf von 1992, Version Madison, hat sie vor fünf Jahren von der Grußmutter geschenkt bekommen. Im Gegenzug muss sie die Oma damit am Wochenende zur Rheuma-Liga kutschieren. „Als Omi 78 wurde, musste sie das Autofahren schweren Herzens aufgeben“, erzählt Anika, „sie war eine stereotype alte Fahrerin, wirklich eine Gefahr für den Straßenverkehr.“ Früher fuhr Anika jeden Tag von ihrem Dorf Jemgum bei Leer nach Oldenburg eine Stunden bis zur Hochschule. Mittlerweile wohnt sie nur 500 Meter von der Uni entfernt, nimmt aber trotzdem manchmal das Auto: „Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich immer von so vielen Kommilitonen und Dozenten angesprochen – das ist mir zu anstrengend…“

Nicolai im Kübel-Cabrio

Nicolai im Kübel-Cabrio

Nikolei, 23, studiert Schulmusik an der Berliner Universität der Künste, um später Gymnasiallehrer zu werden. Zum Klavierunterricht fährt er mit einem 35 Jahre alten VW-Kübelwagen, der seinem Freund Holger gehört. „Das beste daran ist, dass man im Sommer damit offen fahren kann“, schwärmt Nikolei, „alle Fenster und Türen kann man rausnehmen, sogar die Frontscheibe kann man wegklappen.“ Ein tolles Auto wenn die Sonne scheint, dafür wird’s im Winter trotz Heizgebläse ziemlich kalt, denn das Vehikel ist kaum isoliert. Auch auf die Autobahn wagt sich Nikolei damit nicht, dafür sei es zu laut, zu langsam und zu unsicher. „Ich nutze ihn meistens, um zur Uni zu fahren, weil ich nicht mit der U-Bahn fahren mag“, gibt Nikolei zu. Oder er macht mit seinem Freund eine Spritztour nach Brandenburg, zum Picknicken am See.

Katrin am Polo

Hamburger Schick: Katrin am Polo

Katrin, 28, studiert im 7. Semester in Hamburg Psychologie, will mal Schulpsychologin werden. Den dunkelblauen Polo mit Goslarer Kennzeichen hat sie vor fünf Jahren von der Mutter übernommen. Die ist damit immer zum Einkaufen gefahren, jetzt soll er der Tochter den Besuch in der alten Heimat leichter machen. Normalerweise kommt Katrin mit der Bahn zum Campus an der Außenalster, denn die Parkplatzsituation sei hier katastrophal. Nur freitags nimmt sie den Wagen, da sei es entspannter. Wirklich gebraucht wird das Auto nur für den Nebenjob, denn die adrette Studentin betreut mehrere Schulkinder in deren Freizeit. Und die müssen alle im Polo von A nach B und zurück gebracht werden.

Alex mit Freundin

Alex mit Freundin

Alex, 27, macht gerade sein Examen in Sonderpädagogik an der Uni Köln. Er fährt einen Audi 80, Diesel, Baujahr 1989, den er vor drei Jahren von seinem Opa geerbt hat. „J.R.“ nennt er ihn, nach den Buchstaben im Kennzeichen. J.R. ist dafür bekannt, dass er gerne mal ausfällt. In der letzten Woche musste Alex drei mal den ADAC zur Hilfe rufen: Mal war der Keilriemen defekt, dann die Vorglüher, schließlich die Batterie. Zum Glück ist sein Vater ADAC-Mitglied. „Die sind noch immer freundlich zu mir und ich muss auch nur die Austauschteile bezahlen“, erzählt der künftige Pädagoge. Zur Kölner Uni nimmt er Bus und Bahn, J.R. benutzt er, wenn er für Besuche bei den Eltern und der Großmutter in der Nähe von Bonn. Seine ständige Beifahrerin ist Maureen, eine Schminkpuppe, die er beim Praktikum in England auf dem Müll gefunden hat. „Maureen fährt mit, damit es im Stau nicht langweilig wird“, scherzt Alex, „sie drückt sich dann die Nase an der Scheibe platt oder streckt den Kopf zum Schiebedach hinaus.“ Oliver Numrich

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Elite-Studenten ohne Exzellenz-Programm

Alle reden von zukünftigen Elite-Unis, die den Standort Deutschland retten sollen. Doch dass schon jetzt viele Studierende täglich Höchstleistungen an den ganz „normalen“ Berliner Unis vollbringen wird dabei übersehen. Vier Beispiele:

Nadine Krawietz, 21, studiert im dritten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der TU. In Unterrichtsfächern wie Aerodynamik oder Weltraumrecht ist sie die einzige Frau, doch das schreckt sie nicht: „Ich finde die Technik total spannend, es ist eine Branche mit Zukunft.“ Nadine steht jeden Tag um 6 Uhr auf, denn von Köpenick braucht sie eine Stunde bis zur Uni und die beginnt um kurz nach 8 Uhr. Vorlesungen und Seminare enden zwischen 15 und 18 Uhr, dann lernt Nadine zu Hause oder in der Bibliothek weiter. „Wenn man alles in der Regelstudienzeit schaffen will, muss man bis abends lernen.“ Gleich nach dem Grundstudium, will sie für ein Jahr nach Frankreich, um das deutsch-französische Doppeldiplom zu machen. In den Semesterferien baut die zukünftige Luftverkehrsmanagerin in einer kleinen Flugzeugfabrik in Schönhagen bei Trebbin Leichtmotorflugzeuge. Nebenbei macht sie den Flugschein für Motorflugzeuge, fechtet und macht Fitness. Trotz Megastudienstress hält sie von Elite-Unis nichts: „Wir sollten erst mal dafür sorgen, dass unsere ganz gewöhnlichen Unis besser ausgestattet werden.“

Jörn Linnenbröker, 28, hat schon den Magister in Theater- und Medienwissenschaften, studiert dazu jetzt im vierten Semester „Musical/Show“ an der Universität der Künste. Hier aufgenommen zu werden, könnte an einer Elite-Uni kaum schwieriger sein: Durchschnittlich 150 Bewerber ringen drei Tage lang um 8 bis 12 zu vergebende Studienplätze. Sie müssen mehrere Songs und Monologe vortragen, zwei Choreographien tanzen und unter den prüfenden Blicken der Profs improvisieren. Wer wie Jörn durchkommt, darf dann vier Jahre lang von morgens 10 bis abends 10 Uhr singen, tanzen und schauspielern, gerne auch am Wochenende. „Im Grunde ist es wie an einer Elite-Uni“, sagt Jörn, „die Auswahl ist hart, aber die Uni hat einen sehr guten Ruf.“ Von privaten Musicalschulen hält er nicht viel: „Da entscheiden nicht immer Talent und Persönlichkeit, sondern auch das Einkommen der Eltern.“ Zur Zeit steht Jörn gleich in zwei Stücken auf der Bühne: Als Elefantenmensch im gleichnamigen Stück der Neukölner Oper und als Kampfhund in „Dogs“, einer UdK-Inszenierung nach Texten von George Tabori.

Linus Grabenhenrich, 26, studiert im siebten Fachsemester Humanmedizin an der Charité (FU/HU). Zur Zeit forscht er täglich von morgens bis abends im Labor für seine Doktorarbeit in pädiatrischer Viruologie. Vor zwei Jahren hat er noch Unipolitik gemacht, gestreikt, informiert, protestiert und Studierende auf einer SPIEGEL-Podiumsdiskussion vertreten. Heute fehlt dem angehenden Kinderarzt dafür die Zeit. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, war in Indien und über das Erasmus-Programm ein Jahr in Schweden, nun fördert die Charité seine Forschung. „Statt großer Elite-Unis fehlt es im kleinen, drei Etagen tiefer: Die engagierten Studenten müssen über Stiftungen und Drittmittel stärker gefördert werden, die meisten Förderprogramme in Deutschland sind zu klein und zu starr.“ Linus befürchtet zudem, dass Eliteunis den anderen Hochschulen schaden: „Dann werden „normale“ Unis von Studenten und Professoren nicht mehr ernst genommen und da herrscht dann der Stillstand.“

Alexandra Börner, 20, studiert im dritten Semester Volkswirtschaft an der Humboldt-Uni. „Hier gibt es gute Professoren, die Fakultät ist sehr perfekt organisiert – selbst eine Elite-Uni könnte nicht besser sein“, sagt die Studentin. Am Ende liege es an jedem Studierenden selbst, wie viele Bücher er ließt, wie motiviert er ist, „aber ich denke nicht, dass jeder Student an die Hand genommen werden muss.“ Trotz Studium im Eilschritt, engagiert sie sich beim Austauschverein Aiesec. Dort ist sie im Vorstand zuständig für „Firmenansprache“, das heißt sie besorgt ausländischen Studierenden Praktikumplätze in Berliner Unternehmen. „Ich sammle da viel praktische Erfahrung. Man lernt, sich und andere zu motivieren, im Team zu arbeiten und alles auf Englisch.“ Als nächstes steht ein Auslandsaufenthalt in Schweden an, weitere sind fest eingeplant. Für die Zukunft befürchtet Alexandra, dass die „European School for Management and Technologie“, die demnächst in unmittelbarer Nachbarschaft lehrt, gute Professoren abwirbt – einer habe bereits gewechselt. Oliver Numrich

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Flirt-Academy: Wie an Unis das Flirten gelernt wird

Berlin – 7:30 Uhr im Untergeschoss der FU-Wirtschaftswissenschaften, Garystraße 21: Beißendes Neonlicht, verwaiste Computerinseln, die Cafeteria verschlossen, allein der Kaffeeautomat surrt erwartungsfroh vor sich hin – der perfekte Ort zum Flirt-Studium! VWL-Student Mirko, 24, erzählt, wie einfach es hier ist, ein verfängliches Gespräch zu beginnen. Zum Beispiel mit „Kann man den trinken?“ oder „Kommt da‘n Becher raus?“ oder „Ist das richtiger Cappuccino oder halb Kaffee, halb Kakao?“ Letztes Mal fragte ihn eine russische Austauschstudentin, ob er eine Ein-Euro-Münze in 50-Cent-Stücke wechseln könne. „Ich hab ihr erklärt, dass der Automat selbst wechselt“, sagt Mirko, „danach hat sie mich auf nen 50-Cent-Schümli eingeladen.“ Dass Studentinnen die Initiative ergreifen, scheint erforderlich, denn: „Jungs flirten einfach nicht“, beklagt Isabelle, 21, Musical-Studentin an der Universität der Künste. Ist es der Leistungsdruck, sind es die trockenen Lerninhalte, der Klausurenstress oder die Angst vor Studiengebühren, die die Lust der Studenten am spontanen Flirt drosseln? Herrscht gar eine flirt-feindliche Atmosphäre an den Berliner Unis? „Bei mir sind halt fast alle Kommilitonen schwul“, sagt Isabelle. Deshalb isst sie einmal die Woche in der benachbarten TU-Mensa zu Mittag, doch außer Blickkontakten ist noch nichts passiert: „Die heterosexuellen Studenten sind verklemmt oder arrogant und denken, der andere kann ja den ersten Schritt machen. Es gibt einfach keine Flirtkultur.“ Und dass, wo die Uni doch eine optimale Kontaktanbahnungsumgebung darstellt: Man trifft regelmäßig gleichaltrige, wissbegierige Menschen mit den selben fachlichen Interessen anlässlich von Seminaren oder Streikaktionen; viele sind neu in der Stadt und besitzen oder besetzen die erste eigene Wohnung und haben einen ausbaufähigen Freundeskreis. Die 22-jährige Maschinenbaustudentin Kerstin hat darum auch kein Problem, Jungs anzusprechen. Sie verifiziert täglich ihre Flirt-Theorien an der Technischen Universität. Am einfachsten sei es, nach einer Vorlesung die ausgeguckte Zielperson zu fragen, ob man deren Unterlagen kopieren könne. Wenn man gemeinsam am Kopierer steht, könne man fragen, was er am Wochenende gemacht hat. Wenn er dann von Aktivitäten mit Kumpels erzählt, sei er mit ziemlicher Sicherheit noch Single. Von den wissenschaftlichen Prinzipien des Kennenlernens hat Kerstin auf einem Kommunikationsseminar erfahren. Ursprünglich ging es um Watzlawick, Senden und Empfangen von Botschaften usw., doch das Seminar entpuppte sich als reine Cruising-Akademie. Kerstin übte den klassischen Vier-Schritt-Einstieg: 1. Blickkontakt herstellen; 2. Zurücklächeln und Haltung des anderen übernehmen; 3. Etwas von sich selbst offenbaren, zum Beispiel den Namen; 4. (schwierigster Teil) Ein witziges Kompliment machen, im Kopiererbeispiel: „He, du hast ja ne sehr schöne Handschrift – willst du mal Arzt werden?“ „Es soll nett klingen, aber nicht schleimig sein“, warnt Flirt-Profi Kerstin. Schon auf dem Seminar habe es Funken gesprüht. Bei einer Übung sollten sich die Teilnehmer bei einer inszenierten Begrüßung erst eine, dann drei, dann zehn Sekunden direkt in die Augen sehen: „Mir ist ganz anders geworden, ich dachte, jetzt bin ich echt in den Typen verknallt.“ Trotz allem meint auch Kerstin müssen die Studentinnen meistens den ersten Schritt machen: „Jungs können nicht gut flirten, es trauen sich immer nur die falschen. Und die, von denen man was will, die machen nichts.“ Andreas hingegen kann heißen Blicken stand halten. Der 27-jährige Pädagogikstudent hat seine Traumkommilitonin in einem Seminar an der Fachhochschule kennen gelernt. In Arbeitsrecht saßen sie sich zwei Semesterwochenstunden lang gegenüber und tauschten verschämt-interessierte Blicke. „Nach der letzten Stunde hat sie beim Ausgang auf mich gewartet und wir sind zusammen zur U-Bahn gelaufen“, erzählt Andreas. „Wir haben erst über den Kurs gesprochen, dann hat sie vorgeschlagen, dass man sich ja mal wiedertreffen könnte. Jetzt sind wir schon vier Wochen zusammen!“ Oliver Numrich

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Deutschland sucht die Super-Uni: Danke, teure Exzellenz

Die Berliner FU schafft es in der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs tatsächlich unter die ersten zehn. Doch hinter den Kulissen sieht es trübe aus: Am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften fehlt die Hälfte der Professoren. Weite Wege, überfüllte Seminare und unablässig streikende Studenten – der Freien Universität (FU) eilt der Ruf einer chaotischen Massen-Uni voraus. Doch jetzt wird das rostige Labyrinth in Dahlem möglicherweise zur Elite-Anstalt des deutschen Bildungswesens: Nicht wie erwartet die Humboldt-Universität, sondern deren Schwester FU ist in der zweiten Runde des Exzellenwettbewerbs, den Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) und Wissenschaftsrat (gibt in allen Unterlagen kein Kürzel) im Auftrag des Bundes ausgelobt haben. Dabei geht es um insgesamt 1,9 Milliarden Euro Fördergelder, von denen ein Großteil in der so genannten dritten Förderlinie vergeben wird. Die trägt den Titel Zukunftskonzepte zu universitärer Spitzenforschung“ und verlangt von den Unis mindestens ein Wissenschaftliches „Exzellenz-Zentrum“ sowie eine Graduiertenschule. Darüber hinaus müssen die Hochschulen Strategien für weltweit anerkannte „Leuchttürme der Wissenschaft“ vorweisen, damit, so heißt es in der Ausschreibung, „der Universitäts- und Wissenschaftsstandort Deutschland dauerhaft gestärkt und vorhandene Exzellenz besser sichtbar gemacht werden.“ Vor kurzem war an der FU jedoch etwas ganz anderes sichtbar: schlechte Stimmung. Zeitungen berichteten von den schwierigen Studienbedingungen am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften (IPK), die „Zeit“ hatte in einer Studie die schlechte Betreuung der Bachelor-Studenten durch den Lehrkörper bemängelt. Dann wurde von den Studenten selbst der Personalnotstand ausgerufen. Das IPK sei schon seit langem chronisch überlastet und personell schlecht ausgestattet, klagen sie. Innerhalb der letzten vier Jahre hat das Institut die Hälfte seiner Professoren durch Emeritierung, Krankheit oder Tod eingebüßt und ist personell mittlerweile so ausgedünnt, dass es seinen Lehrbetrieb kaum Aufrecht erhalten kann. Nachbesetzt wurden die Stellen zunächst nicht. Rund 2.700 Studis kämpfen jetzt um Sitzplätze in überfüllten Seminaren und um Blickkontakt mit einem der vier Professoren. „Ich zweifle mittlerweile an der Qualität meiner Ausbildung und erst recht an Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Kay Kutschkau. Der 26-Jährige studiert im fünften Semester am IPK und hofft, später bei Fernsehanstalten oder Verlagen unterzukommen, „so in Richtung Medienmanagement.“ Doch gerade das ist das Problem: Der Lehrstuhl für Kommunikationspolitik und Medienökonomie ist seit über zwei Jahren unbesetzt. Für Kutschkau und seine Kommilitonen bedeutet das, dass sie ihre ursprüngliche Planung über den Haufen werfen und ihren Studienschwerpunkt vergessen können. Die übrig gebliebenen Professoren brechen unter der Arbeitslast zusammen. Ein Kollege bittet die Teilnehmer zu Semesterbeginn um Kooperation: „Wenn sie diesen Schein nicht dringend machen müssen, belegen sie bitte ein anderes Seminar – es ist sonst zu voll.“ Referate werden in Gruppen von der Größe einer Fußballmannschaft gehalten, Hausarbeiten von mehreren Studenten gemeinsam geschrieben, die Sprechstunden sind überfüllt und dabei Wartezeiten von bis zu zwei Stunden üblich.

Leuchttürme der Wissenschaft?
„Wir standen Anfang des Jahres kurz vor dem Exitus, hätten fast das Institut schließen müssen“, sagt Hans-Jürgen Weiß, geschäftsführender Direktor des IPK, „jetzt befinden wir uns in einer Aufbruchsituation.“ Viele Probleme sind hausgemacht: Alte Professoren, die schnell hintereinander ausschieden, Nachbesetzungen, die nicht zügig angegangen wurden. Brisant wurde die Situation aber durch die Konkurrenz innerhalb des Fachbereichs Politik und Sozialwissenschaften, zu dem neben der Publizistik auch die Institute für Politikwissenschaft, Soziologie und Ethnologie gehören. „Als Fach Nummer Zwei führen wir ein Schattendasein am Rande der großen Politikwissenschaft“, klagt Weiß. Bei der Politikwissenschaft dagegen ist das Exzellenz-Cluster „Governance in a Globalized World“ angesiedelt  -  ein wesentlicher Bestandteil der nächsten Bewerbungsstufe um Fördergeld. Hier mit Professorenstellen zu knausern, kommt für Dekanat und Präsidium nicht in Frage, schließlich soll gerade da die Exzellenz bewiesen werden. Selbst wenn die FU eine Elite-Uni würde, glaubt der Professor nicht daran, dass sein Institut davon profitiert. Wolf Dermann, Publizistik-Student und Mitglied der Kommission für Lehrangelegenheiten von Akademischem Senat und Präsidium, sieht das nicht ganz so pessimistisch: Natürlich würde das Geld aus dem Wettbewerb hauptsächlich der Forschung zufließen, „aber wenn weniger Druck im Portemonnaie herrscht, bleibt auch mehr Geld für die Lehre übrig.“ Doch schon jetzt, sagt Dermann, profitiere das Publizistik-Institut von der Exzellenz-Initiative. Denn dem IPK wurden drei zusätzliche Vakanzprofessuren genehmigt Dermann vermutet dahinter allerdings Kalkül: Das Präsidium kann jetzt keine Unruheherde gebrauchen. Wieder einmal protestierende Studenten an der FU  -  dieser Anblick soll den Gutachtern erspart bleiben, die in diesen Tagen erwartet werden…  Oliver Numrich

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Adieu, Magister und Diplom, herbei, Bachelor und Master?

„Das Organisatorische zu Beginn jedes Seminars nimmt immer mehr Raum ein“, klagt eine Bachelor-Studentin der Technischen Universität. Denn bevor es endlich losgeht, wird ausführlich die Anwesenheit jedes einzelnen geprüft. Die Studierenden dagegen beteiligen sich immer weniger, Diskussionen verebben, alles wird inhaltlich flach, weil kaum einer es schafft, die aufgetragene Fachliteratur zu lesen. In den hinteren Reihen wird währenddessen im Internet gesurft – Wireless LAN sei Dank. Mit dem Bachelor haben Tugenden aus der Schule Einzug in die Universität gehalten: Pflichtanwesenheit, Abfragewissen für Klausuren, Punktesammeln. Der „Work load“, das ist der theoretische Arbeitsaufwand eines Studierenden, ist in vielen Fächern exorbitant – kein Professor ist bereit, seinen Stoff oder seine Ansprüche zu reduzieren, obwohl jetzt viel mehr Kurse besucht werden müssen als vorher. Dass man den Studierenden nichts zutraue und immer mit der Keule hinter ihnen stehe, stört eine angehende Politologin: „Macht, macht, macht, ihr seid so faul!“ bekäme sie unisono von Profs und Uni-Leitung zu hören. Gerade für Leute, die selbstverantwortlich arbeiten wollen, sei das total demotivierend. Und wer nebenher noch jobben muss oder gar ein Kind hat, schafft es gar nicht mehr. Dieser Kritik schließt sich David Hachfeld an. „Es werden unrealistische Arbeitsanforderungen und die Wissenschaftlichkeit in Frage gestellt“, sagt das 27-jährige Mitglied des Akademischen Senats der FU, „den Studenten bleibt keine Zeit, ihr Studium richtig auszuführen und auch mal etwas zu vertiefen.“ Er empfiehlt Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen deshalb, trotz allem ihr Studium so zu gestalten, wie sie es möchten, et was auszuprobieren, über den Tellerrand zu schauen, auch wenn es mal länger dauere als sieben oder acht Semester. „Orientiert euch nicht nur an den fixen Vorgaben, sondern geht vernünftig daran! Es gibt bescheuerte, unrealistische Vorstellungen wie das Studium zu sein hat, aber so muss man es nicht machen.“ Hachfeld hat sogar Verbündete unter den Professoren, wenigstens einen, auf den man sich immer verlassen kann: Peter Grottian vom Otto-Suhr-Institut der FU. „Wir müssen eine Reputationsschädigung des Bachelors hinkriegen“, verkündet der kampferprobte Recke. Grottian kritisiert, „dass man so tut, als ob man junge Leute wissenschaftlich ausbilden und mit wissenschaftlicher Urteilskraft auf den Arbeitsmarkt schicken könne.“ Das sei nicht zu verantworten, niemand könne in der kurzen Zeit, die das Bachelor-Studium lässt, seinen wissenschaftlichen, kommunikativen und sozialen Lernprozess zur Reife bringen. „Wer Humboldt ein bisschen ernst nimmt“, redet sich Grottian in Rage, „kann nicht ernsthaft glauben, dass ein wissenschaftlicher Lernprozess so schnell verläuft wie das Bräunen einer Pizza.“  Doch für viele Unternehmen ist gerade die Kürze des Studiums bis zum ersten Abschluss ein wesentlicher Vorteil des Bachelor-Studiengangs ,auch wenn die Absolventen noch nicht perfekt „gebräunt“ sind. Sie werden lieber im eigenen Unternehmen fertig gebacken. Etwa bei der dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KMPG. Von den über 1000 Beschäftigten in der Region Ost arbeitet ein Großteil in der Berliner Klingelhöferstraße. „Der Schwerpunkt von KPMG liegt darauf, Bachelor zu rekrutieren und anschließend mit unserer eigenen Trainingsorganisation intern weiterzubilden und auf die entsprechenden Berufsexamina Wirtschaftsprüfer/Steuerberater vorzubereiten“, sagt Ulf Hellert, 40, Human-Ressources-Manager bei der KMPG. Die Art des Abschlusses, ob Bachelor oder Diplom, sei nicht das Entscheidende „es geht uns um Studieninhalte, Persönlichkeit und Leistungsorientierung der Kandidaten.“ Zurzeit analysiert die KPMG, wie die konkreten Ergebnisse der neuen Bachelorstudiengänge an den Universitäten aussehen. „Für uns ist es wichtig, uns mit unseren Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, prüfungsnaher Beratung und Steuerberatung an den Universitäten einzubringen“, sagt der Personalmanager, „und den Prozess vom Diplom in Richtung Bachelor und Master aktiv zu begleiten.“ Das stimmt genau mit dem überein, was die Berliner IHK in einer Unternehmensbefragung herausgefunden hat: Von den 100 befragten Unternehmen verschiedener Größe und aus allen Branchen, haben zwei von drei Unternehmen bereits Bachelor-Absolventen eingestellt und können es sich für die Zukunft auch gut vorstellen. „Generell wird die Einführung des Bachelorstudienganges begrüßt“, sagt Kathrin Tews, 37,  wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Innovation, Technologie, Wissenschaft der IHK Berlin, „doch es gibt deshalb kein Misstrauen gegen die alten Abschlüsse, bei weitem nicht!“ Bei vielen Unternehmen herrsche noch immer ein Informationsdefizit, was ist der Bachelor überhaupt ist. Die Berliner Wirtschaft fordert schon lange, die Hochschulausbildung zu verkürzen und auf eine stärke Praxisorientierung und Internationalisierung der Abschlüsse zu achten. “Die Wirtschaft erhofft sich jüngere Absolventen“, sagt Tews, die nebenbei einen Master-Studiengang Bildungsmanagement an der Uni Oldenburg macht, „und dass sich die Studieninhalte stärker an der Praxis der Arbeitswelt orientieren.“ Jünger, schneller und dennoch Tiefgang. Denn der IHK ist trotz allem wichtig, dass die Studierenden in den Bachelorstudiengängen nicht nur Berufsbefähigung erlernen, „sondern auch überfachliche Qualifikation wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz, grundsätzliche wissenschaftliche Kompetenz“, fasst Tews die Forderungen zusammen. Trotz der Befürworter aus Wirtschaftskreisen bleibt Professor Grottian bei seiner Haltung: „Ein anständiges Studium gibt es nur mit Diplom, Bachelor darf nur ein Notausstieg sein.“ Und auch so mancher Unternehmer stelle lieber einen Menschen mit zehn oder zwölf Semestern ein, der eine gute Ausbildung, mit Auslandsaufenthalt, Praktika und vertiefendem Studium mitbringt, als einen in sechs Semestern durchgepeitschten Schnellstarter. Oliver Numrich

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Berliner Mythen: Die Heimat des Floriada-Eisbechers

Nichts Genaues weiß man nicht, aber 1927 soll hier in der Spandauer Kosterstraße mit dem Café Blotkow die erste Eisdiele Berlins eröffnet haben. Wobei Eisdiele zu viel gesagt ist: Zum Café gehörte auch ein kleiner Filmvorführraum und für die Zuschauer von „Metropolis“ oder „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ wurde Konditoreneis gekugelt. Der zweite Weltkrieg zerstörte das Gebäude und es ging ohne Kino in einem Neubau unter dem Namen „Café Annelie“ weiter. Anfang der 80er Jahre kam ein neuer Besitzer, der dem Lokal einen Relaunch verordnete: moderner, heller, weltläufiger. Seitdem hängen quietschbunte Poster mit Stränden, Palmen und Alligatoren im Gastraum und die Servicekräfte tragen einheitliche Hawaihemden, die der Geschäftsführer jedes Jahr persönlich aus Key West mitbringt, wo er sich auch zurzeit aufhält. „Florida ist ein Lebensgefühl“, sagt seine Teilhaberin, Simone Gürgen, „es scheint immer die Sonne, die Menschen sind freundlich und locker.“ Dieser Verheißung folgen täglich – je nach Wetterlage – bis zu 2000 Spandauer und bilden Warteschlagen einmal um den Häuserblock. Hier trifft man sich und plaudert beim Warten. Das Florida ist nicht nur eine Institution, es ist „Place to be“ für alt und jung im ansonsten ereignisarmen Außenbezirk. In den letzten Jahren fraß sich das Café wie die Raupe nimmersatt von links nach rechts durch die Gebäudezeile und verschlang erst eine Reinigung, dann eine Fahrschule. Im letzten Jahre machte es einen Sprung auf die andere Seite der Bahntrasse und eröffnete nur 1.500 Meter vom Stammsitz entfernt am Spandauer Bahnhof eine moderne Dependance. Trotz des ehernen Wachstums findet man in beiden Läden am Wochenende nur schwer einen freien Platz. „Die Leute kommen hierher, um sich ein bisschen zu erholen und abschalten“, sagt Gürgen, „nur am Sonntag kann man das sicher nicht, dann ist hier Nahkampf angesagt.“ Die 21-jährige Geologie-Studentin Hannah Danielowski schleckt seit frühester Kindheit Florida-Eis, meist Karamell und Erdbeer, und jobbt inzwischen drei Mal die Woche selbst am Eistresen. „Ich bin eine richtige Naschkatze“, gibt sie zu, „ich könnte auch morgens schon Eis essen.“ Auch Hannas Schwester Laura arbeitet im Café, genau so wie ihre ehemaligen Mitschülerinnen Candy und Coco. Florida ist ein wahrer Jobfloater: 120 Leute arbeiten mittlerweile in beiden Läden, davon 70 Studenten. Auch außerhalb der Hochsaison müssen die Aushilfen ran und etwa im Februar in einer konzertierten Aktion 1000 Kilo frische Blutorangen schälen oder im August ebenso viele Rumtopfkirschen einlegen. Denn nicht nur das Eis, auch alle Saucen und Toppings werden aus natürlichen Zutaten selbst zubereitet. Eisverkäufer ist wohl der dankbarste Beruf auf der Welt, denn wer sonst kann seine Kunden augenblicklich so glücklich machen? „Ich bleibe immer ruhig, auch wenn sich mal einer nicht entscheiden kann“, versicht Hanna. Nur Sahne und Waffeln einpacken sei was ganz Schlimmes. Oliver Numrich

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Berliner Mythen: Die Heimat der Medizin-Studenten

„Alles Leben besteht aus Zellen, meine Herren“, beginnt Prosektor Virchow pünktlich um 8 Uhr c.t. seine Vorlesung und schaut prüfend in die Runde, „Zellen sind die vitalen Elemente, aus denen sich die Gewebe, die Organe, das ganze Individuum zusammensetzen.“ Kerzengrade sitzen die Studenten in den steilen Rängen des Hörsaals. Sie sind jung, 18, 19 Jahre alt, und ausschließlich männlich. Frauen dürfen nicht einmal Abitur machen, geschweige denn Medizin studieren, als Rudolf Virchow 1850 seine bahnbrechende Theorie von der Zellularpathologie vorstellt und damit die mittelalterliche Viersaftlehre von Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle überwindet. Jahrhunderte lang sorgte sie dafür, dass Menschen bei jeder Erkrankung zur Ader gelassen wurden. Nicht nur in der Medizin war Virchow fortschrittlich, auch als Politiker. So förderte der Gegner Bismarcks in Berlin den Bau der Kanalisation, von Krankenhäusern und Spielplätzen und kämpfte für kommunale Selbstverwaltung und die Rechte von Minderheiten. „Er war ein linker, ein Reformer, der bei der Märzrevolution mitgemacht hat“, sagt Kristina Schubert (Foto). Schubert trägt einen hellblauen Rolli mit schwarzer Steppweste darüber. Sie ist eigentlich Biologin mit Doktor und hat bis 1991 an der Charité Ausstriche auf Krebszellen untersucht. Dann hieß es: „Schuberten kümmern sie sich mal um das Museum.“ Seitdem betreut die 1,49m kleine Wissenschaftlerin Virchows Erbe in Deutschlands größtem Klinikbetrieb. Dazu gehört nicht nur die 10.000 Präparate umfassende Sammlung, sondern auch der Hörsaal, der ihm zu Ehren vom preußischen Staat 1899 errichtet wurde. Der Saal, der 200 Zuhörer fasst, und in dem Virchow bis zu seinem Lebensende viele Male doziert, wird 1945 von Fliegerbomben zerstört: Das Dach wird weggefegt, alle Fenster von der Wucht zerrissen, das Holzmobiliar verbrennt. Anfang der 1950er Jahre wird eine Betondecke eingezogen und darauf ein neues Dach gesetzt, damit wenigstens der übrige Teil des Gebäudes wieder genutzt werden kann. Im Hörsaal pustet noch 20 Jahre der Wind durch die kaputten Fensterrahmen. Anfang der 70er werden einige neu verglast, der Rest zugemauert, der Saal wird nun zur Abstellkammer für in Kunstharz gegossenes Gewebe aus Routineuntersuchungen. Es dauert weitere 20 Jahre, bis 1993 die Ruine wiederentdeckt wird. Ein neuer Institutsdirektor will sich mit einem Hörsaal verewigen. „Da kamen Architekten und meinten: Räumen sie das mal aus und machen sie sauber“, erzählt Schubert leicht angesäuert. Doch die Charité-Leitung lehnt ab: zu teuer, kein Bedarf. „Auf einmal war der Raum leer und wir haben gesehen, wie wunderschön er ist.“ Kurze Zeit später tauchen Christo und Jean-Claude auf, die einen Tipp bekommen haben, und wollen in der Hörsaalruine eine Pressekonferenz zur Verhüllung des nahe gelegenen Reichstags machen. Die Ruine wird zur angesagten Location, um die sich alle reißen: Die Klinikdirektoren begrüßen hier ihre Gäste, Ärztekongresse und Pharmaunternehmen feiern VIP-Partys. Und Dr. Kristina Schubert koordiniert Veranstaltungen statt wieder Abstriche zu untersuchen. Oliver Numrich

Hörsaal im Betrieb

Hörsaal im Betrieb

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