Er macht Schluss mit dem Klischee vom dicken, vollbärtigen Rettungsbären: Stephan Baum ist Rettungsassistent bei den Johannitern, Medizinstudent und einer der besten Fechter Deutschlands. Gewichtsprobleme kennt der 26-Jährige nicht, schließlich absolviert er täglich zehn Kilometer Waldlauf und trainiert bis zu sechs Mal in der Woche, damit er im Sommer nach Peking reisen darf.
Artikel verschlagwortet mit Studieren
Elite-Studenten ohne Exzellenz-Programm
Alle reden von zukünftigen Elite-Unis, die den Standort Deutschland retten sollen. Doch dass schon jetzt viele Studierende täglich Höchstleistungen an den ganz „normalen“ Berliner Unis vollbringen wird dabei übersehen. Vier Beispiele:
Nadine Krawietz, 21, studiert im dritten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der TU. In Unterrichtsfächern wie Aerodynamik oder Weltraumrecht ist sie die einzige Frau, doch das schreckt sie nicht: „Ich finde die Technik total spannend, es ist eine Branche mit Zukunft.“ Nadine steht jeden Tag um 6 Uhr auf, denn von Köpenick braucht sie eine Stunde bis zur Uni und die beginnt um kurz nach 8 Uhr. Vorlesungen und Seminare enden zwischen 15 und 18 Uhr, dann lernt Nadine zu Hause oder in der Bibliothek weiter. „Wenn man alles in der Regelstudienzeit schaffen will, muss man bis abends lernen.“ Gleich nach dem Grundstudium, will sie für ein Jahr nach Frankreich, um das deutsch-französische Doppeldiplom zu machen. In den Semesterferien baut die zukünftige Luftverkehrsmanagerin in einer kleinen Flugzeugfabrik in Schönhagen bei Trebbin Leichtmotorflugzeuge. Nebenbei macht sie den Flugschein für Motorflugzeuge, fechtet und macht Fitness. Trotz Megastudienstress hält sie von Elite-Unis nichts: „Wir sollten erst mal dafür sorgen, dass unsere ganz gewöhnlichen Unis besser ausgestattet werden.“
Jörn Linnenbröker, 28, hat schon den Magister in Theater- und Medienwissenschaften, studiert dazu jetzt im vierten Semester „Musical/Show“ an der Universität der Künste. Hier aufgenommen zu werden, könnte an einer Elite-Uni kaum schwieriger sein: Durchschnittlich 150 Bewerber ringen drei Tage lang um 8 bis 12 zu vergebende Studienplätze. Sie müssen mehrere Songs und Monologe vortragen, zwei Choreographien tanzen und unter den prüfenden Blicken der Profs improvisieren. Wer wie Jörn durchkommt, darf dann vier Jahre lang von morgens 10 bis abends 10 Uhr singen, tanzen und schauspielern, gerne auch am Wochenende. „Im Grunde ist es wie an einer Elite-Uni“, sagt Jörn, „die Auswahl ist hart, aber die Uni hat einen sehr guten Ruf.“ Von privaten Musicalschulen hält er nicht viel: „Da entscheiden nicht immer Talent und Persönlichkeit, sondern auch das Einkommen der Eltern.“ Zur Zeit steht Jörn gleich in zwei Stücken auf der Bühne: Als Elefantenmensch im gleichnamigen Stück der Neukölner Oper und als Kampfhund in „Dogs“, einer UdK-Inszenierung nach Texten von George Tabori.
Linus Grabenhenrich, 26, studiert im siebten Fachsemester Humanmedizin an der Charité (FU/HU). Zur Zeit forscht er täglich von morgens bis abends im Labor für seine Doktorarbeit in pädiatrischer Viruologie. Vor zwei Jahren hat er noch Unipolitik gemacht, gestreikt, informiert, protestiert und Studierende auf einer SPIEGEL-Podiumsdiskussion vertreten. Heute fehlt dem angehenden Kinderarzt dafür die Zeit. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, war in Indien und über das Erasmus-Programm ein Jahr in Schweden, nun fördert die Charité seine Forschung. „Statt großer Elite-Unis fehlt es im kleinen, drei Etagen tiefer: Die engagierten Studenten müssen über Stiftungen und Drittmittel stärker gefördert werden, die meisten Förderprogramme in Deutschland sind zu klein und zu starr.“ Linus befürchtet zudem, dass Eliteunis den anderen Hochschulen schaden: „Dann werden „normale“ Unis von Studenten und Professoren nicht mehr ernst genommen und da herrscht dann der Stillstand.“
Alexandra Börner, 20, studiert im dritten Semester Volkswirtschaft an der Humboldt-Uni. „Hier gibt es gute Professoren, die Fakultät ist sehr perfekt organisiert – selbst eine Elite-Uni könnte nicht besser sein“, sagt die Studentin. Am Ende liege es an jedem Studierenden selbst, wie viele Bücher er ließt, wie motiviert er ist, „aber ich denke nicht, dass jeder Student an die Hand genommen werden muss.“ Trotz Studium im Eilschritt, engagiert sie sich beim Austauschverein Aiesec. Dort ist sie im Vorstand zuständig für „Firmenansprache“, das heißt sie besorgt ausländischen Studierenden Praktikumplätze in Berliner Unternehmen. „Ich sammle da viel praktische Erfahrung. Man lernt, sich und andere zu motivieren, im Team zu arbeiten und alles auf Englisch.“ Als nächstes steht ein Auslandsaufenthalt in Schweden an, weitere sind fest eingeplant. Für die Zukunft befürchtet Alexandra, dass die „European School for Management and Technologie“, die demnächst in unmittelbarer Nachbarschaft lehrt, gute Professoren abwirbt – einer habe bereits gewechselt. Oliver Numrich
Deutschland sucht die Super-Uni: Danke, teure Exzellenz
Die Berliner FU schafft es in der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs tatsächlich unter die ersten zehn. Doch hinter den Kulissen sieht es trübe aus: Am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften fehlt die Hälfte der Professoren. Weite Wege, überfüllte Seminare und unablässig streikende Studenten – der Freien Universität (FU) eilt der Ruf einer chaotischen Massen-Uni voraus. Doch jetzt wird das rostige Labyrinth in Dahlem möglicherweise zur Elite-Anstalt des deutschen Bildungswesens: Nicht wie erwartet die Humboldt-Universität, sondern deren Schwester FU ist in der zweiten Runde des Exzellenwettbewerbs, den Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) und Wissenschaftsrat (gibt in allen Unterlagen kein Kürzel) im Auftrag des Bundes ausgelobt haben. Dabei geht es um insgesamt 1,9 Milliarden Euro Fördergelder, von denen ein Großteil in der so genannten dritten Förderlinie vergeben wird. Die trägt den Titel Zukunftskonzepte zu universitärer Spitzenforschung“ und verlangt von den Unis mindestens ein Wissenschaftliches „Exzellenz-Zentrum“ sowie eine Graduiertenschule. Darüber hinaus müssen die Hochschulen Strategien für weltweit anerkannte „Leuchttürme der Wissenschaft“ vorweisen, damit, so heißt es in der Ausschreibung, „der Universitäts- und Wissenschaftsstandort Deutschland dauerhaft gestärkt und vorhandene Exzellenz besser sichtbar gemacht werden.“ Vor kurzem war an der FU jedoch etwas ganz anderes sichtbar: schlechte Stimmung. Zeitungen berichteten von den schwierigen Studienbedingungen am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften (IPK), die „Zeit“ hatte in einer Studie die schlechte Betreuung der Bachelor-Studenten durch den Lehrkörper bemängelt. Dann wurde von den Studenten selbst der Personalnotstand ausgerufen. Das IPK sei schon seit langem chronisch überlastet und personell schlecht ausgestattet, klagen sie. Innerhalb der letzten vier Jahre hat das Institut die Hälfte seiner Professoren durch Emeritierung, Krankheit oder Tod eingebüßt und ist personell mittlerweile so ausgedünnt, dass es seinen Lehrbetrieb kaum Aufrecht erhalten kann. Nachbesetzt wurden die Stellen zunächst nicht. Rund 2.700 Studis kämpfen jetzt um Sitzplätze in überfüllten Seminaren und um Blickkontakt mit einem der vier Professoren. „Ich zweifle mittlerweile an der Qualität meiner Ausbildung und erst recht an Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Kay Kutschkau. Der 26-Jährige studiert im fünften Semester am IPK und hofft, später bei Fernsehanstalten oder Verlagen unterzukommen, „so in Richtung Medienmanagement.“ Doch gerade das ist das Problem: Der Lehrstuhl für Kommunikationspolitik und Medienökonomie ist seit über zwei Jahren unbesetzt. Für Kutschkau und seine Kommilitonen bedeutet das, dass sie ihre ursprüngliche Planung über den Haufen werfen und ihren Studienschwerpunkt vergessen können. Die übrig gebliebenen Professoren brechen unter der Arbeitslast zusammen. Ein Kollege bittet die Teilnehmer zu Semesterbeginn um Kooperation: „Wenn sie diesen Schein nicht dringend machen müssen, belegen sie bitte ein anderes Seminar – es ist sonst zu voll.“ Referate werden in Gruppen von der Größe einer Fußballmannschaft gehalten, Hausarbeiten von mehreren Studenten gemeinsam geschrieben, die Sprechstunden sind überfüllt und dabei Wartezeiten von bis zu zwei Stunden üblich.
Leuchttürme der Wissenschaft?
„Wir standen Anfang des Jahres kurz vor dem Exitus, hätten fast das Institut schließen müssen“, sagt Hans-Jürgen Weiß, geschäftsführender Direktor des IPK, „jetzt befinden wir uns in einer Aufbruchsituation.“ Viele Probleme sind hausgemacht: Alte Professoren, die schnell hintereinander ausschieden, Nachbesetzungen, die nicht zügig angegangen wurden. Brisant wurde die Situation aber durch die Konkurrenz innerhalb des Fachbereichs Politik und Sozialwissenschaften, zu dem neben der Publizistik auch die Institute für Politikwissenschaft, Soziologie und Ethnologie gehören. „Als Fach Nummer Zwei führen wir ein Schattendasein am Rande der großen Politikwissenschaft“, klagt Weiß. Bei der Politikwissenschaft dagegen ist das Exzellenz-Cluster „Governance in a Globalized World“ angesiedelt - ein wesentlicher Bestandteil der nächsten Bewerbungsstufe um Fördergeld. Hier mit Professorenstellen zu knausern, kommt für Dekanat und Präsidium nicht in Frage, schließlich soll gerade da die Exzellenz bewiesen werden. Selbst wenn die FU eine Elite-Uni würde, glaubt der Professor nicht daran, dass sein Institut davon profitiert. Wolf Dermann, Publizistik-Student und Mitglied der Kommission für Lehrangelegenheiten von Akademischem Senat und Präsidium, sieht das nicht ganz so pessimistisch: Natürlich würde das Geld aus dem Wettbewerb hauptsächlich der Forschung zufließen, „aber wenn weniger Druck im Portemonnaie herrscht, bleibt auch mehr Geld für die Lehre übrig.“ Doch schon jetzt, sagt Dermann, profitiere das Publizistik-Institut von der Exzellenz-Initiative. Denn dem IPK wurden drei zusätzliche Vakanzprofessuren genehmigt Dermann vermutet dahinter allerdings Kalkül: Das Präsidium kann jetzt keine Unruheherde gebrauchen. Wieder einmal protestierende Studenten an der FU - dieser Anblick soll den Gutachtern erspart bleiben, die in diesen Tagen erwartet werden… Oliver Numrich










